Gedankenwelten Zeitreisen

Glücksrad

Es ist mir ein bisschen unangenehm, aber eine ganze Weile war die TV-Spielshow “Glücksrad” für mich gleichbedeutend mit Fortschritt und ein bisschen sogar mit Freiheit.

Ich bin 1979 geboren. Damals gab es weder Privatfernsehen in Deutschland noch eine Fernbedienung für den (Röhren-)Fernseher meiner Eltern. Als “RTL plus” in der Mitte der 1980er-Jahre auf Sendung ging, war das eine kleine Revolution für mich. “Knight Rider” mit David Hasselhoff am Dienstagabend wurde zum Pflichttermin. Hatte man die neueste Folge nicht gesehen, konnte man am nächsten Tag auf dem Schulhof nicht mitreden.

Anders als RTL waren die meisten anderen privaten Fernsehkanäle allerdings nicht über Antenne zu empfangen. Man brauchte Kabel oder Satellit. Beides hatten meine Eltern nicht. Kein Fernsehen via Satellit, weil sie nicht wollten, und kein Kabelfernsehen, weil dies, selbst wenn meine Eltern gewollt hätten, in unserer Straße schlicht nicht verfügbar war.

Als irgendwann die Bagger anrückten und die Straße aufrissen, um die TV-Kabel zu verlegen, wurden zuerst die Haushalte am Ende der Straße angeschlossen. So habe ich es zumindest in Erinnerung. Vielleicht war der Grund für die Baustelle auch ein ganz anderer. Gut möglich auch, dass alle Haushalte in der Straße zumindest technisch gesehen gleichzeitig Kabel bekamen. Sicher weiß ich allerdings noch, dass mein Sandkastenfreund, mit dem ich zu dieser Zeit die Schulbank drückte und dessen Haus fast am Ende der Straße stand, irgendwann plötzlich Kabelfernsehen hatte – und ich nicht.

Natürlich hätte ich damals nie zugegeben, dass mich das störte. So richtig wusste ich ja auch nicht, was ich verpasste oder eben nicht verpasste. Kabelfernsehen existierte für mich vor allem theoretisch – in Form von Spalten in der Fernsehzeitschrift, die mit “Sat 1” oder “Tele 5” überschrieben waren und deren Programm mir wenig sagte. Wiederholungen waren ja damals noch nicht so in und das meiste, was lief, tatsächlich neu, zumindest meinem Gefühl nach. Wenn ich ehrlich bin, fuhr ich ohnehin lieber draußen Fahrrad, als drinnen vor dem Fernseher zu sitzen, von “Knight Rider” einmal abgesehen.

Dennoch gab es Momente, wo Kabelfernsehen mir wie ein heiliger Gral erschien: nämlich immer dann, wenn ich krank war. Krank zu sein bedeutete, den ganzen Vormittag allein zu Hause zu sein und fernzusehen. Das war trotz RTL plus manchmal reichlich langweilig. Im Dritten lief “Telekolleg” und im Ersten irgendwelche Magazine. In diesen Momenten habe ich meinen Sandkastenfreund beneidet. Wenn er krank war, konnte er nicht nur aus ARD, ZDF, WDR und RTL plus wählen, sondern auch all die anderen Kanäle einschalten, die in der Fernsehzeitschrift auftauchten.

Warum ich mich, wenn ich an diese Zeit zurückdenke, vor allem an das Glücksrad erinnere, weiß ich selbst nicht so genau. Eigentlich kann es nur daher rühren, dass Sat 1 diese Spielshow damals besonders exzessiv gesendet haben muss, ohne dass ich sie gucken konnte. Sie stand daher sinnbildlich für all die entgangenen Freuden des Kabelfernsehens. Denn obwohl wir einige Monate später dann auch Kabel bekamen, geguckt habe ich das Glücksrad nicht öfter als ein oder zwei Mal.

In diesem Sinne, ich kaufe ein “E” und möchte lösen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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