Gedankenwelten Zeitreisen

Der Mann, die Kochtöpfe und mein persönlicher Minimalismus

Die Kochtöpfe passten nicht ins Zelt. Deshalb stapelte er sie immer rechts und links vor dem Eingang. Sie passten gerade so unter die über den Eingang hinaus verlängerte Außenhülle. Im Zelt selbst hatte er eine Luftmatratze und einige Kleidungsstücke liegen. Viel mehr konnte ich beim Vorbeigehen nicht erkennen. Für viel mehr dürfte aber auch kein Platz gewesen sein. Das Zelt war winzig. Eines dieser dreieckigen Gebilde mit festem Metallgestänge und geschätzten 2×1,5 Metern Grundfläche, wie sie schon seit mindestens zweieinhalb Jahrzehnten nicht mehr produziert werden. Damals waren sie aber noch recht üblich.

Ich kann mich nicht genau erinnern, wann ich ihn das erste Mal gesehen habe. Ich muss um die zehn Jahre alt gewesen sein. Wir waren wieder auf dem Campingplatz in Österreich, auf dem wir auch in den Jahren zuvor schon die Sommerferien verbracht hatten. Zelte gab es hier viele, aber entweder waren die deutlich größer oder sie dienten Kindern als Schlafplatz, während die Eltern im Wohnwagen oder Wohnmobil schliefen. Das einzelne Zelt fiel deshalb auf.

Es stand alleine auf einem Platz nahe dem Haus mit den Sanitäreinrichtungen. Bewohnt wurde es von einem Mann, den ich heute vermutlich als jung bezeichnen würde, den ich damals aber einfach in die Kategorie „erwachsen“ einsortierte. Wie wir kam er jedes Jahr und blieb einige Wochen. Wenn die Sonne schien, saß er auf dem Boden vor seinem Zelt. Was er dort tat, weiß ich nicht mehr. Regnete es, lag er darin, denn zum Sitzen oder gar Stehen war das Zelt zu klein.

Mich faszinierte das. Vor allem wegen der Töpfe. Wer auch immer dieser Mann war oder was er tat, er hatte offenbar alles bei sich, was er brauchte, sogar eine Küchenausstattung. Es passte (fast) vollständig in sein winziges Zelt. Ich fand das wahnsinnig gemütlich. Gerne hätte ich für ein paar Tage mit ihm getauscht. Die Welt dieses Mannes schien in meinen Kinderaugen so kompakt und übersichtlich. Das gefiel mir und gefällt mir bis heute. Dabei weiß ich inzwischen natürlich, dass hier meine kindliche Vorstellung und die Realität vermutlich zwei Paar Schuhe sind. Trotzdem habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder an dieses Gefühl erinnert.

Zum Beispiel bei einem meiner ersten Backpacking-Tripps vor 16 oder 17 Jahren. Ich hatte einige Tage in Barcelona verbracht und gerade aus dem Hostel ausgecheckt, um zum Flughafen zu fahren. Es sollte wieder zurück nach Hause gehen. Doch: warum eigentlich? Theoretisch enthielt mein Rucksack alles, was ich gebraucht hätte, um einfach weiter zu ziehen. Einen Moment dachte ich tatsächlich darüber nach. Meine wartende Uni-Abschlussarbeit und mein Kontostand ließen mich dann aber doch wie geplant zum Flughafen fahren.

Kürzlich habe ich mir mehrere Camper-Vans angeschaut. Nicht für mich selbst, sondern eher als beratende Unterstützung. Trotzdem wäre ich am liebsten sofort selbst in eines der Mini-Wohnmobile eingestiegen, hätte Frau und Kind abgeholt und wäre damit losgefahren. Irgendwohin.

Man braucht eigentlich nicht viel. Die Vorstellung, mit einem Rucksack oder in einem Auto komplett autark unterwegs zu sein, weil man alles dabei hat, was man braucht, fängt mich immer wieder ein. Das heißt: eigentlich ist es eher die Vorstellung, vieles nicht mehr dabei zu haben. So vieles von dem, was ich täglich mit mir rumtrage, materiell gleichwohl wie an Gedanken, brauche ich gar nicht. Ich fühle mich ohne viel wohler. Wieso behalte ich es trotzdem?

Schon immer verreise ich am liebsten mit leichtem Gepäck. Inzwischen gilt das auch für die Zeit zwischen den Reisen, für das Leben an sich. Ich versuche es zu vermeiden, Dinge anzuschaffen, die ich früher oder später als Ballast empfinden werde. Auch weil ich weiß, dass es mir schwer fällt, mich wieder von ihnen zu trennen, wenn ich sie einmal besitze. Also überlege ich zwei Mal, ehe ich leichtfertig auf „bestellen“ klicke. Klappt manchmal, längst nicht immer.

Gleiches gilt für Gedanken. Wie viele davon sind unnötig, behindern mich eigentlich, statt mich voran zu bringen? Leider fällt es mir gerade hier noch schwerer, mich von eben diesen Gedanken zu trennen und den selbst verordneten Minimalismus umzusetzen.

Manchmal hilft es, wenn ich aufschreibe, was mir im Kopf herumgeht. Die unnötigen Gedanken werden einmal zu Ende gedacht, dann wandern sie ins Archiv. Das Notizbuch fungiert dann als externe Festplatte, um den Hauptspeicher frei zu halten. Auch Aussprechen kann helfen, fällt mir aber meist schwerer als Aufschreiben. Am Ende läuft es sowieso vor allem auf eine Frage hinaus: Was ist wirklich wichtig? Leider ist diese Frage im Rückblick meist leichter zu beantworten als beim Blick nach vorn.

In diesem Sinne, öfter mal den Rückspiegel umdrehen!

PS: Das Foto ist natürlich nicht in besagtem Urlaub aufgenommen, sondern im Klimahaus in Bremerhaven. Wenn Ihr mal dort seid: absolut sehenswert!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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