Papawelten Zeitreisen

Ein Jahr Papa oder: Wer hat eigentlich mehr gelernt?

Wer hat eigentlich mehr gelernt in diesem Jahr – sie oder ich? Seit einigen Wochen krabbelt unsere Kleine nicht mehr, sie läuft. Ziemlich schnell sogar. Und klein ist sie eigentlich auch nicht mehr. Unter den Tisch passt sie stehend schon längst nicht mehr. Dafür angelt sie aber fleißig nach allem, was darauf liegt. Fragt man sie selbst, wie groß sie ist, streckt sie die Hände nach oben und sagt „Boah!“. Sogar Küsschen verteilt sie inzwischen, allerdings nur, wenn man sie freundlich darum bittet und sie gerade nicht damit beschäftigt ist, die Waschmaschine ein- und wieder aus zu räumen – eines ihrer Lieblingsspiele im Moment.

Ich gebe zu, manchmal ist mir die Geschwindigkeit, mit der sich meine Tochter entwickelt, unheimlich. Kürzlich ist sie ganz alleine auf die Couch geklettert, hat sich die Fernbedienung für den Fernseher geschnappt und angefangen, seelenruhig durch die Programme zu zappen. Ich habe keine Ahnung, woher sie das hat – wir schauen seit einem Jahr praktisch gar nicht mehr fern, erst Recht nicht, wenn sie dabei ist. Aber alles, was Knöpfe hat, fasziniert die Maus nun einmal. Besonders natürlich, wenn beim Drücken auf die Knöpfe auch etwas passiert. Und die TV-Fernbedienung hat viele Knöpfe und fast jeder bewirkt irgendetwas.

Wer hat mehr gelernt? Nein, ganz so einfach möchte ich mich nicht geschlagen geben. Auch ich habe in den vergangenen zwölf Monaten einige Entwicklungssprünge machen müssen.

Seit meine Tochter auf der Welt ist, gehört meine Zeit nicht mehr mir. Das mag banal klingen, für mich, der immer großen Wert auf persönliche Freiheit gelegt hat und noch immer legt, ist das ein großer Schritt. Kinder sind nicht berechenbar, zumindest nicht in dem Alter. Ganz egal, wie anstrengend der Tag war, wie der Abend wird, entscheidet meine Tochter. Ich kann mir vornehmen, nach der Arbeit noch zum Sport zu fahren und danach endlich wieder eine Ausgabe der Zeit zu lesen, deren Ausgaben sich jede Woche höher stapeln. Ob das funktioniert, entscheide aber nicht ich. Meine Tochter entscheidet. Wenn die abends partout nicht schlafen, sondern lieber bis halb zehn um den Wohnzimmertisch herum fangen spielen will, dann ist das eben so.

Bevor ich Vater geworden bin, war ich der Überzeugung, die wichtigste Veränderung würde sein, dass man sich selbst aus einer neuen Perspektive wahrnimmt, weil da plötzlich ein anderer Mensch im eigenen Leben wichtiger ist als man selbst. Das würde ich bis heute unterschreiben. Allerdings war mir bis vor einem Jahr nicht klar, wie viele ganz alltägliche Auswirkungen das hat. Wenn mein Kind weint, ist egal, was ich gerade tue, tun will oder geplant habe, dann gibt es nur noch sie.

Natürlich gibt es immer noch diese große Dimension. Ich blicke zum Beispiel anders in die Zukunft. 2025 ist immer noch ein Stück weit abstrakt, vor allem aber ist es jetzt das Jahr, in dem meine Tochter voraussichtlich eingeschult werden wird. 2036 ist immer noch weit weg, aber eben auch das Jahr, in dem sie volljährig wird. Darüber denke ich allerdings nicht jeden Tag nach. Ohnehin ist die Zukunft viel weniger planbar geworden, weil der Rückgriff auf die Vergangenheit nicht mehr funktioniert. Ich kann inzwischen abschätzen, wie Weihnachten dieses Jahr sein wird. Das sagt aber wenig darüber aus, wie es im kommenden oder gar im Jahr darauf sein wird. Denn dann ist meine Tochter nicht mehr ein, sondern zwei oder eben drei Jahre alt. Dazwischen liegen Welten.

Die Maus ahnt von all dem natürlich noch nichts. Sie hat Spaß daran, jeden Morgen ein Türchen in dem Adventskalender zu öffnen, die ihr ihre erwachsenen Cousinen geschenkt haben und würde wohl auch zwei oder drei aufmachen, wenn wir sie lassen würden. Begeistert nimmt sie dann das darin enthaltene Mini-Kinderbuch heraus und ich bin jedes Mal stolz ohne Ende, wenn sie damit zu mir läuft, um mir ihre neueste Errungenschaft zu zeigen.

Auch das etwas, was ich gelernt habe: wie wichtig mir die Zuneigung dieses kleinen Menschen ist. Es macht mich unfassbar glücklich, wenn die Kleine mich breit grinsend mit „Bap, bap, bap!“ begrüßt, wenn ich die Wohnung betrete. Zugleich bricht es mir jedes Mal das Herz, wenn sie in Tränen ausbricht, weil ich ihr verboten habe, mit dem Löffel in der Steckdose herumzubohren (die natürlich gesichert ist, aber man muss es ja nicht darauf anlegen …). Ich würde sogar wetten, sie weiß das, denn sie achtet peinlich genau darauf, dass ich sehe, wie erst die Lippe leicht bebt und erst dann das Weinen einsetzt.

Das ist wohl einer der Gründe, warum ich inzwischen ziemlich gut darin bin, vorauszuahnen, welche potenziell gefährlichen Dinge in den Augen einer Einjährigen interessant sein könnten. So kann ich diese rechtzeitig aus ihrer Sichtweite räumen kann und entgehe im besten Fall einem Weinanfall. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie das einmal sein wird, wenn sie älter ist und es um ganz andere Dinge geht, die sie will, aber nicht bekommt. Da wartet vermutlich eine steile Lernkurve auf mich.

Wer hat nun also mehr gelernt in den vergangenen zwölf Monaten. Wenn man das oben geschriebene list, könnte man vielleicht sagen: unentschieden. Aber eigentlich stimmt das nicht. Wenn ich mir heute die Fotos von den ersten Lebensstunden meiner Kleinen anschaue, kann ich immer noch nicht fassen, was in so kurzer Zeit aus diesem kleinen Menschlein geworden ist. Mit welcher Selbstverständlichkeit sie sich inzwischen in dieser Welt bewegt, die für sie damals noch ganz fremd und neu war. Das Ergebnis ist also eindeutig: Maus 1,  Papa 0.

In diesem Sinne, wer noch nicht genug hat, die gesammelte Ladung Babycontent gibt es hier!

 

 

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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