Bücherwelten

Kühn, Koma und Lügen – Leseliste Teil 5

Woche 52, Buch 32. Hier ein kleines best-of:

Jan Weiler, Kühn hat zu tun

Ich bin mal wieder spät dran. Ich steckte schon mitten im zweiten von derzeit drei Büchern, als ich festgestellt habe, dass die Bücher bereits vor Jahren gehyped und in sämtlichen Feuilletons besprochen wurden. Dass Teil eins inzwischen verfilmt wurde (und die Verfilmung eher mäßig erfolgreich war). Dass Teil drei kürzlich erschienen ist. Dass Jan Weiler plötzlich Krimis schreibt, auch wenn er die ungern so nennt, und dass sie mir bisher ausgesprochen gut gefallen, auch wenn ich eher selten Krimis lese. Dass selbst im Spiegel diskutiert wurde, was zum Teufel Schnippikäse ist (eine Erfindung des Autors, die sich durch alle drei Bände zieht).

Aber von vorne: Martin Kühn, Weilers Protagonist, ist Mitte 40 und wohnt in der Weberhöhe, einer Siedlung im Münchner Speckgürtel. Kühn ist Durchschnitt: Polizist mit durchschnittlicher Karriere, aber Hoffnung auf eine  Beförderung. Eine Frau, zwei Kinder, mittleres Einkommen, das Haus noch nicht abbezahlt. Alle Attribute, die ihn nicht sonderlich von den sonstigen Bewohnern der Siedlung unterscheiden. Bis auf die übel zugerichtete Leiche, die im Graben hinter seinem Garten gefunden wird – und wegen der Kühn als Leiter Mordkommission plötzlich in der eigenen Nachbarschaft ermitteln muss.

Soweit die Ausgangssituation des ersten Kühn-Krimis, „Kühn hat zu tun“. Die Tat wie die Rahmenhandlung sind geschickt konstruiert, selbst wenn sie mir gerade erste am Ende etwas übertrieben psychologisiert vorkamen. Gestört hat es mich nicht. Das liegt vor allem daran, dass Weiler sein Buch eigentlich gar nicht als Krimi angelegt hat. Ein Gesellschaftsportrait sollte es sein, erklärt der Autor in diversen Interviews, ein Blick auf die deutsche Vorstadt mit ihren Bewohnern. Dass am Ende ein Krimi rauskam, war eher Mittel zu Zweck. So ein Mord vor der eigenen Haustür lässt den menschlichen Makel eben besonders schön hervortreten.

Entsprechend breitformatig ist dann auch das Bild, das Weiler zeichnet. Ein langes Kapitel gleich zu Beginn des Buches widmet er dem entstehen der Wohnsiedlung nach dem Zweiten Weltkrieg. Ausführlich schildert er, wie aus dem glühenden Nazi und Menschenverachter Weber, Inhaber einer Munitionsfabrik, durch ein Missverständnis ein vermeintlich „guter Nazi“ und der Namensgeber des Neubaugebietes wurde. Ausführlich lässt Weiler den Leser auch immer wieder an Kühns ausschweifenden Gedanken und Erinnerungen teilhaben, die irgendwo zwischen banal und genial hin und her pendeln.

Wie Kühn den Mörder am Ende zur Strecke bringt, ist spannend und unterhaltsam. Mindestens genauso unterhaltsam sind aber die vielen kleinen Geschichten, die nebenbei stattfinden. Kühns Unfähigkeit, seiner Tochter den Wunsch nach einem Pony zum Geburtstag abzuschlagen, obwohl er weiß, dass er sich das gar nicht leisten kann. Die Streitigkeiten im Team der Mordkommission. Sowas eben. Anders als in manchem TV-Krimi hat Weiler all das aber so aufgeschrieben, dass es lesenswert bleibt, eben weil Kühn am Ende doch durchschnittlich bleibt. Kein Kommissar mit Psychose, sondern ein Nachbar, den man sich tatsächlich im Haus nebenan vorstellen kann.

Juan Moreno, 1000 Zeilen Lüge

Spannend. Eher Roman als Sachbuch. Juan Moreno ist der Journalist, der vor einem Jahr die Fälschungen des Spiegel-Reporters Claas Relotius aufgedeckt hat. Er hat damit einen Stein ins Rollen gebracht, der zumindest für den Moment die deutsche Medienlandschaft gehörig erschüttert hat. Wie Nachhaltig diese Erschütterung ist, wird sich noch zeigen. Den Weg dorthin hat Moreno überaus lesenswert aufgeschrieben.

Dass das Buch selbst umstritten und von Relotius juristisch angegriffen wird – geschenkt. Wer sich ernsthaft mit Journalismus beschäftigt, sollte ohnehin kritisch sein, wenn ein direkt Betroffener seine Sicht der Dinge schildert. Dennoch und gerade mit diesem Wissen im Hinterkopf liest sich 1000 Zeilen Lüge nicht nur sehr flüssig, sondern erlaubt dank wörtlich zitierter E-Mails einen Blick hinter die Kulissen des Spiegel. Allein das macht das Buch interessant.

Interessant ist aber auch der Rechercheweg, den Moreno beschreibt – und dass dieser keineswegs so altruistisch gewesen ist, wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Moreno sah sich mit dem Rücken an der Wand. Entweder sein Name wird mit einer Geschichte verknüpft, von der er sicher ist, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Nicht gut für jemanden, der davon lebt, in seinem Beruf als freier Reporter einen gewissen Namen zu haben. Oder er ist derjenige, der womöglich zu Unrecht und aus Neid einen jüngeren und vermeintlich brillanten Kollegen anschwärzt. Auch dann wäre seine Karriere zumindest beim Spiegel und vermutlich auch in den meisten anderen Medienhäusern erstmal vorbei gewesen. Für Moreno gab es aus seiner Sicht also gar keinen anderen Weg als vorwärts.

Diesen Weg beschreibt er detailliert. Die Schwierigkeiten, die er schon bei der Zusammenarbeit mit dem Kollegen gehabt habe, weil dieser ihm „Regieanweisungen“ gegeben habe, wie er seinen Teil der gemeinsamen Geschichte habe schreiben sollen. Wie ihm schon damals vieles komisch vorgekommen sei, er aber eben noch gedacht habe: vielleicht ist Relotius ja wirklich so genial – und ich einfach nur neidisch. Wie er am Ende sicher war, aber dennoch bei Vorgesetzten vor eine Wand gelaufen sei. Und schließlich wie das ganze System Relotius zusammenbrach.

Im Ton bleibt Moreno dabei stets angenehm klar, fügt wohldosiert auch Gefühle wie Selbstzweifel und Neid genau richtig. Das dürfte natürlich kalkuliert sein, bewahrt den Leser aber davor, irgendwann in ein schwarz-weiß-Bild zu verfallen – hier der gute Journalist, da der böse Fälscher.

Moreno selbst betont gleich zu Anfang, er habe das Buch eigentlich vor allem geschrieben, um nicht immer wieder die selben Fragen beantworten zu müssen. Das kann man glauben. Andererseits wäre es dumm, wenn er die Gunst der Stunde nicht genutzt hätte. Journalisten haben schon zu deutlich banaleren Themen Bücher veröffentlicht. Dieses hier ist eines der wenigen, die sich kritisch mit dem eigenen Berufsstand auseinandersetzen. Allein das macht es lesenswert.

Anika Decker, Wir von der anderen Seite

Hätte ich mir vermutlich nie gekauft. Eher zufällig habe ich die Autorin dann in einem Interview in einem Podcast gehört, in dem sie über das Buch gesprochen hat. Am Ende landete es erst als Leseprobe auf meinem Kindle. Als ich die durch hatte, war ich schon so im Buch drin, dass ich ohne weiter Nachzudenken auf „Kaufen“ geklickt habe.

Wir von der anderen Seite ist autobiografisch, aber keine Autobiografie. Die Geschichte ist erfunden, beruht aber auf einer realen Erfahrung. Wie die Autorin selbst ist auch die Protagonistin Rahel Drehbuchautorin, die nach einem kleinerem Eingriff aufwacht und irritiert ist, weil alle so besorgt um sie sind. Erst nach und nach wird ihr klar: sie ist nicht aus einer wenige Stunden dauernden Narkose aufgewacht, sondern lag für mehrere Tage im Koma. Wie die Autorin selbst ist auch Rahel Drehbuchschreiberin, nur deutlich weniger erfolgreich als Anika Decker, aus deren Feder Komödien wie Keinohrhasen oder Rubbeldiekatz stammen.

Deren Protagonistin Rahel ist für die Ärzte so etwas wie ein Wunder. Multiples Organversagen ausgelöst durch eine Blutvergiftung. Eine Möglichkeit, die einem vor jeder OP mitgeteilt wird. Etwas, das auf dem Risikobogen steht, den man unterschreiben muss, um überhaupt unters Messer zu kommen. Etwas, das man aber als Formalie abtut.

Nun aber liegt Rahel in ihrem Krankenbett auf der Intensivstation und stellt nach und nach fest, dass es da offenbar so einiges gibt, was sie nicht oder nicht mehr weiß. Zum Beispiel warum eigentlich ihr Freund im Urlaub auf Bali ist statt an ihrem Krankenbett. Oder was mit der Tablettensucht ist, die ihre Werte angeblich nahelegen. Und ob das Zeichentrickeichhörnchen, das sie immer wieder besucht, eigentlich real oder bloß eine Halluzination ist.

All das darf der Leser miterleben. Wie Rahel dringt all das erst nach und nach zu ihm durch, erfährt er selbst nur scheibchenweise, was sich zugetragen hat, bevor Rahel ins Krankenhaus kam, wo ihr eigentlich nur ein Nierenstein hatte entfernt werden sollen. Nebenbei darf er dabei einen Blick in die Welt der Krankenhäuser und Reha-Kliniken werfen, die in so vielerlei Hinsicht anders ist als die normale Welt vor den Kliniktoren – die andere Seite eben.

Der Leser ist auch dabei, wenn Rahel verzweifelt noch vom Krankenbett aus versucht, gegenüber Produzenten den Eindruck zu erwecken, alles sei eigentlich nur eine Lappalie und das nächste Drehbuch eigentlich schon fertig. Denn ohne Drehbuch kein Geld – und Drehbuch-Aufträge bekommt nur, wer zuverlässig funktioniert. Der nächste Autor wartet schließlich schon.

In diesem Sinne, alle bisherigen Bücherposts und Leseempfehlungen gibt es hier!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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