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Leichtes Gepäck

2014-07-15-Koffer

Mehr hätte es nicht sein dürfen, denn dann hätte es nicht mehr in den alten Ford Fiesta gepasst. Man könnte auch sagen: eine Zeit lang, war mein (aktiver) Hausstand sehr übersichtlich. Ich wusste ja, dass ich öfter würde umziehen müssen. Wirklich schwer ist mir das nicht gefallen. Im Gegenteil – eigentlich mag ich es leicht:

  • Als Billigflieger das Kurzreisen revolutioniert haben, habe ich angefangen, mich bei allen Reisen unter einer Woche Dauer auf Handgepäck zu beschränken.
  • Als ich nach meinem ersten Studium mit dem Rucksack auf Weltreise gegangen bin, durfte nur mit, was auch in den Treckingrucksack passte. Viel war das nicht. Dennoch …
  • Als ich bei besagter Reise zum zweiten Mal den Kontinent gewechselt hatte, schickte ich ein Paket an meine Eltern. Inhalt: Fotos (ich habe damals noch analog fotografiert) und diverse Kleidungsstücke. Man braucht nicht wirklich alles, nur weil es eben reinpasst.

Im Film „Up in the Air“, über den ich hier schon einmal etwas geschrieben habe, rät Protagonist Ryan Bingham bei Motivations-Coachings seinen Zuhörern dazu, ihr gesamtes Leben gedanklich  in einen Rucksack zu packen und diesen anschließend anzuzünden. All das Zeug, was man über die Jahre anhäufe, sei letztlich nichts anderes als luggage, Gepäck das man aufgeben, das man tragen und um das man sich dauernd kümmern müsse. Darum sei es eher Belastung als Bereicherung – physisch wie psychisch.

Ich würde das nicht zu 100 Prozent unterschreiben. Ich würde mich unglaubwürdig machen. Mein Hausstand ist längst wieder über das Fassungsvermögens meines Autos hinaus gewachsen. Daran ändert auch nichts, dass ich inzwischen einen größeren Wagen als den Fiesta fahre.

Was braucht man wirklich? Ich bin ein Mensch mit einer sehr innigen Beziehung zu seiner Vergangenheit. Ich schreibe viel auf und kann daher vieles nachlesen, was mich vor einem, vor fünf oder auch vor 20 Jahren beschäftigt hat. Diese Aufzeichnungen, verteilt über zig Notizbücher, möchte ich nicht missen.

Doch was ist mit all den anderen und vermeintlich wichtigen Erinnerungsstücken? Die Quittung aus dem Restaurant, die man als Erinnerung an den schönen Abend aufgehoben hat. Die Geburtstagskarte eines guten Freundes, die einen in dem Moment sehr berührt hat, und die man deswegen einfach nicht wegwerfen kann, auch wenn man weiß, dass man sie vermutlich nicht vermissen und auch nie wieder in die Hand nehmen wird.

Eine Zeit lang war es mir wichtig, beweglich zu bleiben. „Ein Koffer und eine Tasche, das ist mein Hausstand. Ich kann jederzeit weiterziehen“, hat der Schriftsteller Uwe Timm das in seinem (wie ich finde: besten) Roman „Rot“ beschrieben (und ich habe es vor Jahren schon einmal hier aufgegriffen). inzwischen bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, was beweglich zu sein eigentlich heißt. Hängt das wirklich damit zusammen, was man konkret im Laufe eines Lebens anhäuft – oder ist nicht viel mehr die Einstellung dazu entscheidend? Werde ich beweglicher, weil ich alte Glückwunschkarten wegwerfe? Oder ist es eigentlich egal, wie viel Kartons voll Erinnerungen ich im Keller horte, so lange ich nur bereit bin, sie im Fall des Falles hinter mir zurück zu lassen? 

So richtig abschließend habe ich das Thema für mich noch nicht beantworten können. In diesem Sinne …

PS: Sie kann nichts dafür, aber ich fände es falsch, sie nicht zu nennen, schließlich hat mich Jenny von heyjennypenny mit ihrem „ausgemistet.„-Eintrag dazu gebracht, mich mal wieder mit diesen Fragen zu beschäftigen. 

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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