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Das Kind im Mann

Sie ist Anfang 20 und hat lange, blonde Haare. Dezent geschminkt und in einem Rock, der eine Länge hat, um der Phantasie Anregung und Spielraum zugleich zu bieten, ohne dabei billig zu wirken, sitzt sie mir schräg gegenüber. Neben ihr ein junger Mann, der vielleicht ein oder zwei Jahre älter und ganz offensichtlich ihr Freund ist. Die Beiden wirken nicht, als hätten sie sich sonderlich viel zu sagen, scheinen deswegen aber nicht unglücklich zu sein. Mit ausgesuchter Coolness im Blick starren sie vor sich hin.

Das ändert sich, als die U2 hinter dem Senefelder Platz den Untergrund verlässt, um für die letzten Stationen oberirdisch weiter zu fahren. Hektisch beginnt sie an seiner Kleidung herum zu fummeln. Ungeschickt schließt sie den Reißverschluss seiner Daunenjacke und zupft an seinem Schal. „Es ist kalt draußen“ zischt sie, während sie ihn sorgenvoll anfunkelt, „ich will nicht, dass Du Dich erkältest.“ Mit einer entschiedenen Bewegung drückt sie ihm schließlich sogar eine Art wollenes Basecap auf den Schädel, bevor sie ihn an der Haltestelle Eberswalder Straße zur Tür zieht.

Er sagt nichts. Ich habe sogar den Eindruck, als würde er ihre Fürsorglichkeit genießen. Zwar erlaubt ihm seine betonte Coolness emotional keine all zu großen Sprünge, dennoch meine ich so etwas wie ein zufriedenes Lächeln an den Rändern seiner Mundwinkel erahnen zu können. Es gefällt ihm, wie seine Freundin ihn bemuttert.

Eine Station weiter steige auch ich aus. Während ich die überfüllte Treppe in Richtung Schönhauser Allee herunter drücke, frage ich mich, warum sich manche Männer eine ganze Pupertät lang von ihren Müttern emanzipieren, bloß um uns am Ende von ihren Freundinnen den Schal umbinden und die Jacke zuknöpfen zu lassen. Ich bin da vermutlich nicht mal eine Ausnahme. Zwar mache ich meine Jacke selten und wenn dann selber zu, ich hasse Sätze wie „Komm nicht so spät“, „Trink nicht zu viel“ oder „Ruf an, wenn Du angekommen bist“. Trotzdem weiß ich, dass sie mir fehlen würden, wenn sie niemand sagen würde.

Vor gut zwei Jahren hat Die Zeit einen Artikel zum Thema „Das ewige Junge“ veröffentlicht. Der männliche Autor, Jan Ross, bezeichnet darin das Junge-bleiben-Dürfen als die merkwürdigste und zugleich typischste Bestimmung des Mannes: „Altersunabhängig erstrebenswert und verfügbar ist vor allem die jugendliche Unfertigkeit geworden, das Ausprobieren, Sich-Zeit-Lassen und Noch-mal-neu-Anfangen, das Gefühl, dass der Ernst des Lebens noch gar nicht begonnen hat.“

Ein zwar streitbarer, aber durchaus nachvollziehbarer Gedankengang. Bleibt zu fragen, ob man dieses Gefühl der Unfertigkeit ausgerechnet dadurch erreicht, indem man sich von seiner Freundin den Schal umbinden lässt.
Aber darüber sollte vielleicht auch jeder für sich nachdenken.

In diesem Sinne, bloß die Jacke zumachen (lassen)!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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  1. Wie ist das eigentlich mit dem „Kind in der Frau“. Den Männern wird immer von Frauen vorgeworfen, sie benähmen sich wie kleine Jungs. Aber was ist denn mit den Frauen die rosa und pink tragen, obwohl das fast allen Männern den Schrecken ins Gesicht treibt. Und wie ist es mit den Frauen über dreißig, die Hello-Kitty-Anhänger tragen und ihren Männern mit Kleinkindstimme ihre Liebe gestehen, obwohl sie heimlich Brad Pitt anhimmeln. Das witzigste, was ich erlebt habe war eine Frau, die ihr Handy so stark mit glitzernden Strasssteinen beklebt hatte, dass ihr Handy nur noch selten Empfang hatte. Aber ihr war das egal, Hauptsache schön. Das kenn ich auch von meiner Nichte als sie 6 Jahre alt war. Mittlerweile ist sie aus dem Alter raus. Vielleicht ist keine männliche oder weibliche Eigenart, sondern eine menschliche.

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