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Rostflecken

Vielleicht sollte ich mir Sorgen machen, denn bei manchen Gedankengängen beschreibt mich ein Ich nur sehr unzureichend. Ein Wir wäre passender. Nur deutet von sich selbst im Plural zu sprechen nicht unbedingt auf geistige Klarheit hin. Aber vielleicht sollte ich anders anfangen.

Vor einigen Tagen hat eine Freundin eine Rundmail geschickt. Sie geht demnächst für ein paar Wochen nach Indien und sucht nun einen Untermieter für Ihre Wohnung. Die Mail enthielt Lage, Größe und Ausstattung der Wohnung – das Übliche halt. Was mich stutzen ließ war der letzte Satz ihres Gesuchs: Ich werde meine Wohnung vom 16. März bis zum 13. April zwischenvermieten (u. U. auch bis zum 20. April oder für immer)”

“Für Immer” – zumindest für meine Generation ist das wohl durchaus relativ zu verstehen. Wer bleibt “Für Immer” irgendwo? (Wer geht schon “Für Immer” aus einer Stadt wie Berlin weg?) Selbst mein Cousin, der vor Jahren nach Neuseeland ausgewandert ist und demnächst eine Kiwi heiratet, verwahrt sich dort, am anderen Ende der Welt, vor einer solch absoluten Wortwahl. (Und der ist nicht mal aus Berlin). Woher solle er jetzt wissen, ob er in zehn Jahren nicht zurück nach Deutschland kommen wollte, hat er einmal gesagt. Er würde diese Option durchaus im Auge behalten, wenn auch nur im Augenwinkel.

Ich kann das sehr gut verstehen. Vermutlich könnte ich an keinem Ort bleiben, würde ich mir nicht immer wieder sagen, dass ich jederzeit gehen kann. Zugleich könnte ich keinen Ort verlassen, wenn ich mir dabei nicht beständig selber zuflüstern würde, dass ich ja wiederkommen kann.

Ich liebe Neuanfänge, das weiße Papier, das es zu beschreiben gilt. Außerdem spüre ich die Angst davor, irgendwo festzurosten, und die treibt mich vorwärts.
Zugleich bin aber auch ein sehr bequemer Mensch. Ein Gewohnheitstier, dass es genießt, altbekannte Wege gehen zu können, den U-Bahnplan verstanden zu haben oder im Fengler trotz hoffnungslos überfüllter Theke nicht all zu lange warten zu müssen, um noch ein Bier bestellen zu können. Einfach deshalb, weil man regelmäßig da ist.

Diesen Widerspruch im Hinterkopf ist der Plural Wir wesentlich naheliegender als jedes singuläre Ich. Ob das gesund ist? Das wage ich nicht zu beurteilen. Wir übrigens auch nicht.

In diesem Sinne, immer auf Rostflecke achtgeben!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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