Desillussionierend Karriere

Bohrinsel

Mein Kollege sagt, es gäbe auf dieser Welt wohl keinen Job, den ich noch nicht gemacht hätte. Mein Kollege lügt. Nicht absichtlich, natürlich. Als er das gesagt hat, wusste er einfach nicht, dass ich noch nie auf einer Bohrinsel gearbeitet habe.

Mein Kollege sitzt schon deutlich länger an seinem Schreibtisch in der Redaktion als ich es tue. Als ich ihm gesagt habe, dass ich noch nie auf einer Bohrinsel gearbeitet habe, hat er nur amüsiert den Kopf geschüttelt. „Also gut“, hat er gesagt, „alles, außer Bohrinsel.“

Ganz wahr ist auch das nicht. „Alles“ erscheint mir trotz der Bohrinsel-Einschränkung doch etwas übertrieben. Ganz aus der Luft gegriffen allerdings auch nicht. Außerdem würde ich mich gerne mal auf einer Bohrinsel verdingen.

Die meisten Menschen, die ich kenne, haben sich schon mit den unterschiedlichsten Jobs über Wasser gehalten. Irgendwie gehörte das dazu, man will schließlich über die Runden kommen. Gerade als Schüler oder Student sind Jobs außerdem eine tolle Möglichkeit, einfach mal Jobs auszuprobieren.

Ich selbst habe als Schüler Kisten in einem Getränkehandel geschleppt, habe Zeitungen ausgetragen und Inventur im Supermarkt gemacht. Später war ich Soldat, habe unter anderem als Ghostwriter in einer PR-Agentur gearbeitet, Computerkurse für Senioren gegeben und aufmüpfigen Schülern Mathe und Englisch beigebracht.
Ich war (ehrenamtlicher) Schwimmtrainer, habe als Packer und Lagerist Geld verdient, als Nachtportier und Hostel-Security gejobbt und sogar mal für eine Weile fest in der Gruppenreservierung einer Hostel-/Hotelgruppe gearbeitet.

Warum reizt mich die Bohrinsel? Um ganz ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Vielleicht ist das eine Generationenfrage. Ohne es mir ausgesucht zu haben, bin ich in einer Zeit aufgewachsen, in der es üblich ist, alles schon gesehen, gemacht oder wenigstens davon gehört zu haben – Bohrinseln inklusive.

Kaum ein Abiturient der nach dem Schulabschluss nicht mindestens eine Weltreise plant. Kein Student, der nicht zig Praktika in mindestens ein dutzend verschiedene Branchen gemacht hat. Manchmal frage ich mich, was wir eigentlich tun wollen – was noch übrig bleibt – wenn wir erstmal die magische 30 überschritten haben. Bei mir ist es am Sonntag so weit. Ich werde berichten.

In diesem Sinne, welche Erfahrung fehlt Euch?

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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