Fremde Federn Gedankenwelten

Zu viele Fronten?

Andy dachte nach. „Mit der Liebe ist es nach meiner Erfahrung so“, sagte er dann, „daß sie einen zu Anfang heftig und häufig heimsucht. Jedes mal glaubt man, es sei endgültig und für immer, und jedesmal endet es mit dem dramatischen Entschluß, dieser schmerzvollen Erfahrung künftig ganz zu entsagen.“

„Das kenne ich“, sagte Veronika. „Und wie geht es weiter?“

„Beim soundsovieltenmal bleibst du hängen. Endlich, denkst du. Endlich hast du deine Ruhe. Du mußt dich ja auch mal um was anderes kümmern, um deinen Beruf zum Beispiel. Du kannst nicht zeitlebens dein Gemüt von wechselnden Damen zerwühlen lassen. Du brauchst an dieser Front Frieden, um an anderen Fronten antreten zu können.“

[aus: Dieter Zimmer, Wunder dauern etwas länger, Scherz, 1984]

Nächste Woche werde ich 30. Bisher bin ich noch nicht hängen geblieben – mit der Konsequenz, dass ich gleich mehrere Fronten habe, mit denen ich mich zur Zeit beschäftige.

Allerdings bin ich nicht allein. Vor ein oder zwei Jahren habe ich einen Artikel gelesen, ich glaube, es was war in „Die Zeit“. Von den heute 20 bis 30-Jährigen werde viel erwartet, hieß es dort verständnisvoll. In nur zehn Jahren sollten sie mehr oder weniger sämtliche wichtige Weichen ihres Lebens stellen. Liebe, Beruf und der ganze Rest – im Grunde genommen konzentriere sich fast alles auf diese paar Lebensjahre.

Ich wage nicht zu beurteilen, ob das nicht vielleicht schon immer so und möglicherweise früher sogar noch viel schlimmer war.

Zimmer kommt in seinem Roman an derselben Stelle allerdings auf die Verfilmung von Nikos Kazantzakis Roman „Alexis Sorbas“ zu sprechen. Dessen Kernaussage ist vor allem die: Leben heißt, auch dann das beste aus einer Situation zu machen, wenn die Situation eigentlich nicht dafür prädestiniert ist.

In diesem Sinne, wie viele Fronten habt Ihr eigentlich?

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

1 Kommentar Neues Kommentar hinzufügen

  1. Jaja, die Qual und die Wahl. Früher hatte jeder seine Rolle einzunehmen, heute kann jeder sein, wer er will und will am besten alles sein, bevor er/sie sich festlegt und merkt dann plötzlich, dass es vierzig Jahre später ist und man doch nicht alles machen kann.
    Fronten gefällig? Aus- und Weiterbildung. So ohne Familie in Sicht, kann man wenigstens ordentlich am eigenen Geist arbeiten, und das kann auch ziemlich erfüllend sein (für mich jedenfalls).
    Job. Spocht. Weil neben Geist auch Körper und so. Ehrenamtliche Tätigkeiten. Weil das echt macht, dass man sich wohlfühlt. Freunde. Zugegeben manchmal ähnlich schwierig wie Beziehungen. Finanzen. *seufz* Familie. Oder was davon übrigblieb. Spaß haben. Möglichst ohne sich voll zu blamieren, man will sich ja nochmal am gleichen Ort blicken lassen können. Aber trotzdem Spaß haben. Zuhause. Möglichst mit netten Leuten teilen. Reisen. Siehe Finanzen. Sex. Ähnlich wie Sauerstoff – ist gar nicht wichtig, bis man keinen mehr bekommt. Zeit für sich. Mit Büchern, Filmen, an die Decke gucken.
    Genaugenommen hab ich gar keine Zeit für das ganze Beziehungsgedöns ;)

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