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Alleinsitzer

2014-04-28-Alleinsitzer

Die Beiden tuschelten miteinander, bevor sie an meinen Tisch kamen. Dann schauten sie sich noch einmal sich suchend um. „Ist hier noch frei?“, fragte sie schließlich, während er sich an dem Stuhl mir gegenüber zu schaffen machte. Beide setzten sich, nachdem ich ein knappes „ja“ genuschelt hatte. In einer vollen Gaststätte, ist es das Los des Alleinsitzers, seinen Tisch teilen zu müssen.

Es gibt allerdings Unterschiede. Sie beginnen schon mit der Art, wie die Frage gestellt wird. „Ist hier noch frei“ oder „Dürfen wir uns setzen“. Variante eins impliziert bereits, dass man dem Alleinsitzer keine Wahl lassen will, wenn er keine wirklich gute Ausrede präsentiert. Nummer zwei ist direkter, aber eben auch weniger hinterhältig. Zumindest in der Theorie hat der Alleinsitzer noch die Möglichkeit, „nein“ zu sagen. Aber tut er das?

Ich reise gerne allein und sitze gerne allein in Kneipen. Unangenehm wird das immer dann, wenn freie Plätze rar werden – wie in der oben beschriebenen Situation in Dresden. Warum das ältere Paar unbedingt in diesem Lokal essen wollte, weiß ich nicht. Dass die Speisekarte Beiden nicht zusagte, wurde schnell klar. Nach wenigen Minuten Diskussion erhoben sich beide grußlos und verließen das Lokal. Bis dahin saßen sie mir gegenüber – beide. Wieso sie sich an dem Vierertisch ausgerechnet für diese Sitzordnung entschieden hatten, verstehe ich bis heute nicht. Angenehm war das weder für sie noch für mich, das spürte man.

Ich erinnere an einen Abend im südspanischen Jerez de la Frontera (Foto). Für andalusische Verhältnisse war ich einen Tick zu früh dran – und hatte mir offenbar ein unter Einheimischen sehr beliebtes Restaurant ausgesucht. Ich hatte mein Essen gerade erst serviert bekommen, da begann sich vor dem Lokal, in dessen Biergarten ich saß, die erste Schlange zu bilden. Auch hier saß ich an einem Vierertisch, nur traute sich hier offenbar niemand, sich zu mir zu setzen. Vermutlich auch, weil das wenig Sinn ergeben hätte. Die meisten Spanier, die vor dem Lokal warteten, waren mindestens zu viert.

Angenehmer machte es das für mich nicht. Je länger die Schlange vor dem Biergarten wurde, desto bewusster wurde mir, dass ich hier als Einzelperson einen Tisch blockierte, an dem eigentlich vier Personen Platz gefunden hätten. Und eben diese Vier warteten schon. Mehrfach. Hatte mich gerade nicht auch der Kellner schon komisch angeschaut? Von dem Einen, der hier einen Tisch blockierte, war schließlich auch nur ein Viertel des Trinkgeldes zu erwarten. Oder bildete ich mir das nur ein?

Das Essen war gut – kein Wunder, dass die Schlange immer länger wurde. Ich habe es allerdings relativ schnell verputzt. Egal wie entschieden ich mir selbst versicherte, dass ich jedes Recht hatte, hier allein zu sitzen. Es gibt einfach Momente, da macht es keinen Spaß, Alleinsitzer zu sein.

In diesem Sinne, zum Glück ist das nicht immer so …

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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