Gedankenwelten

Zwoelfer-Dorm (Riga IV)

Das Uebernachten in Hostels an sich, schlafen oder arbeitend, ist keine neue Erfahrung fuer mich. Trotzdem bin ich immer wieder fasziniert, welche neue Erfahrungen es bietet. Nicht ohne zu Schmunzeln erinnere ich mich an eine Nacht in einem Hostel in Brisbane, in der ich morgens gegen fuenf von einem nackten Australier geweckt wurde, der sich in einer dramatischen Geste vor der Klimaanlage aufbaute und immer wieder laut bruellte, “Aircon, freeze me!”

Weniger zum Schmunzeln, dafuer aber auch irgendwo typisch, war die Situation letzte Nacht: Es muss gegen vier Uhr gewesen sein, als die Tuer zum Schlafsaal ploetzlich aufgerissen wurde und jemand wie auf einem Hundertmeter lauf mit kurviger Laufstrecke ins Zimmer geschossen kam. In wenigen schnellen (und lauten) Schritten den Raum durchmessend polterte die Gestalt in Richtung Toilette. Noch ehe ich voellig wach war, hatte besagter Sprinter die Klobrille mit einem Knall nach oben geschmettert und begann nun deutlich hoerbar seinen Mageninhalt durch den Mund in die Kloschuessel zu befoerdern.

Damit fertig verschwand er wieder. Ich habe keine Ahung, wohin er ging, aber offentlichlich gab es da Nachschub fuer seine Kotzorgien, denn nicht mal zehn Minuten spaeter war er wieder da und kotzlustig wie eh und je. Vier Mal wiederholte sich die Situation, bis er, alles in allem eine gute Stunde nach dem ersten Mal, in seinem Bett verschwand und laut schnarchend einschlief.

In meinem bisherigen Leben habe ich in ca. 60 oder 70 verschiedenen “Dorms” genaechtigt. Gekotzt habe ich noch in keinem. Trotzdem frage ich mich manchmal, ob ich nicht langsam zu alt werde fuer diese doch arg kommunikative Form der Uebernachtung.

Andererseits bin ich auch immer wieder fasziniert, dass es so etwas ueberhaupt gibt. Ein Haufen Mensche, zum Teil zwoelf und mehr, voellig unterschiedliche Charaktere, teilen sich ein Schlafzimmer. In gewisser Weise bleibt jeder fuer sich, zugleich kommt man aber nicht drum herum, die sonst privatesten Eigenarten der anderen Traveller mitzubekommen.

So ist das Dorm, in dem ich hier in Riga schlafe, so mit Betten vollgestopft, dass es nicht einmal ein Meter Luftlinie zu dem naechsten Bett sind. Im Dunkeln und wenn man nicht mehr ganz wach ist, kann es einem fast so vorkommen, als laege man mit der Frau oder dem Typen in einem Bett, und es kommt einem dabei in keinster Weise komisch vor, mit ihm oder ihr biser noch nicht einmal ein Wort gewechselt zu haben.

In diesem Sinne, eine ruhige Nacht!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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