Gedankenwelten

Magnetisch (Riga III)

Von weitem sah sie gar nicht so schlecht aus. Bloed nur, dass sie naeher gekommen ist. Ich hatte gerade gegessen und sinnierte ueber meinem zweiten Bier darueber, ob die Kombination aus Irish Pub und indischem Restaurant sinnvoll oder total bloedsinnig war, als sie ploetzlich vor mir stand.

Aufgefallen war sie mir vor allem wegen der deutlichen Schlagseite, die sie auf dem Weg zur Toilette gehabt hatte. Nun war sie offenbar zurueck und wild entschlossen. Sie quetschte sich neben mich auf die schmale Bank, legte ihre Hand auf mein Bein und sagte etwas auf lettisch zu mir, dass auch fuer einen der Sprache nicht maechtigen eindeutig gelallt war. Wie durch ein Druckventil entwich waehrend des Sprechens eine Alkoholfahne aus ihrem Mund, bei der selbst einen Alkoholiker um Luft hatte ringen muessen.

Wie gesagt, von weitem hatte ich sie noch ganz huebsch gefunden, von nahem war sie einfach nur noch anstrengend. Mein „Ne“ ignorierte sie, auch dass ich Ihren Arm mit Nachdruck von meinem Knie entfernte. Erst als ich ihr mit einem kleinen Schubs zu verstehen zu geben versuchte, dass ich kein Interesse an ihr hatte, reagierte sie. Augenzwinkernd drehte sie sich zur Seite, zog dabei einen kuenstlichen Schmollmund und kuschelte sich mit dem Ruecken gegen mich.

Zugegeben, es kommt nicht oft vor, dass ich mich aufdringlicher Frauen erwehren muss, die sich felsenfest in den Kopf gesetzt haben, mich abzuschleppen (in diesem Fall offenbar sogar mit dem Zusatz: tot oder lebendig), trotzdem gelang es mir recht schnell, mich aus ihrem Kuschelgriff zu befreien. Ruhe hatte ich damit noch lange nicht. Zwar hatte ich sie abgeschuettelt, meine scheinbar magnetische Anziehung fuer alles Verrueckte und Komische aber offenbar noch lange nicht.

Kaum drei Stunden spaeter sass ich in der Hostelbar. Es war frueher abend, und ich hatte gerade mein Notizbuch aufgeschlagen, um den einen oder anderen Gedankengang zu verschriftlichen, als er die Kneipe betrat. Um es kurz zu machen, er aehnelte mehr einer Langspielplatte als einem Menschen. Aeusserlich sah er zwar einigermassen normal aus, innerlich hatte er aber eindeutig irgendeinen Sprung.

Es fing harmlos an. Hoeflich, ja beinahe schon unterwuerfig sprach er mich an und bat mich um Feuer, dass ich nicht hatte. Sich davon nicht stoerend begann er zu reden. Eine wilde Mischung aus russisch, lettisch, italienisch und englisch. Abwechselnd den amerikanischen Praesidenten verfluchend, mir zu versichernd, dass ich OK sei und dann wieder einfach irgendwas vor sich hinbrabbelnd.

Eine Weile habe ich es freundlich versucht, dann unfreundlich, dann habe ich einfach den Tisch gewechselt. Das wirkte. Nicht beleidigt, eher teilnahmslos verzog er sich in Richtung Keller. Lautes singen kuendigte wenig spaeter davon, dass er vielleicht bescheuert, deswegen aber nicht unmusikalisch war. Leider befriedigte ihn das offenbar nicht lange. Gut zwanzig Minuten oder drei Lieder spaeter stand er wieder in der Bar. Beinahe exakt den selben Sermon abspielend suchte er dieses Mal die Gesellschaft der deutschen Gruppe am Nachbartisch, textete dann wieder den Barkeeper voll und kam dann erneut zu mir, bloss um mir fast wortgleich das selbe erneut zu erzaehlen, das er schon eine Stunde zuvor zum Besten gegeben hatte.

Ins Bett gegangen bin ich schliesslich mit der Frage, warum ausgerechnet ich eine magische oder zumindest magnetische Anziehungskraft auf alles Verrueckte im Umkreis zu haben scheine. Ob das Gegensaetze sind, die sich anziehen, oder muss ich damit rechnen, selber einmal verrueckt brabbelnd jeden Anzusprechen, der nicht schnell genug weglaufen kann?

In diesem Sinne, vorsicht in meiner Naehe!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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