Gedankenwelten

Meerblick (Riga VI)

Als Mallorca noch nicht deutsches Bundesland war, waren Ackerbau und der Handel mit den dadurch gewonnenen Gütern, Oliven zum Beispiel, die wichtigste Einnahmequelle der Insel. Galt es damals, das Erbe unter mehren Söhnen aufzuteilen, konnte der Erstgeborene sich meist auf ein fruchtbares Stück Land im Inneren der Insel freuen.

Die Nachzügler dagegen mussten sich mit weniger lukrativen Territorien, etwa dem sandigen und ans salzige Meer grenzenden Rändern der Insel zufrieden geben. Das war zumindest so lange frustrierend, bis sich herausstellte, dass sich gewisse Festlandeuropäer dazu dressieren lassen, geraden auf diesem unfruchtbaren Stück in der Nähe des Wassers ein Handtuch auszubreiten, stundenlang darauf herum zu liegen und nebenbei mit Strohhalmen literweise Sangria aus Eimern zu trinken.

Doch auch ohne Sangria fasziniert uns das Meer. Ich will mich da gar nicht ausnehmen. Warum sonst hätte ich gestern die Strapazen auf mich genommen, zunächst einer lettischen Eisenbahnangestellten zu erklären, dass ich eine Fahrkarte kaufen möchte (was diese im übrigen irgendwie zu überraschen schien), und mich eine Dreiviertelstunde auf einer Holzbank durchrütteln zu lassen, bloß um letztlich in einem Ort zu landen, dem man ohne weiteres das Schild “wegen Renovierung geschlossen” hätte spendieren können?

Jurmala gilt als das die französische Riviera von Lettland: nur ein paar Kilometer westlich von Riga erstreckt sich ein kilometerlanger, weißer Sandstrand, es gibt eine Promenade mit Geschäften und Restaurants und unendlich viele Datschen, die allesamt aussehen, als hätte jemand eine Villa bauen wollen und sich bei der Umsetzung im Maßstab geirrt. Fast wie fertig verklebte Modellbausätze.

Das Problem ist nur: im Winter fährt hier kaum jemand hin, und diejenigen, die es trotzdem tun, tragen einen Blaumann und sind damit beschäftigt, irgendwas zu renovieren. Zwar bewerben die meisten Broschüren und Reklameflyer Jurmala als “all year around destination”, doch ich halte das eher für ein Gerücht oder eine wagemutige Hoffnung auf das Prinzip der self-fulfilling-prophecy.

Nichts desto trotz habe ich den Ausflug genossen. Warum? Weil ich das Meer gesehen habe. So blöd das klingt, aber das hat mir völlig gereicht. Der Strand war fast Menschenleer, es roch nach Algen und nicht mal der Wellengang war bemerkenswert. Trotzdem war es ein großartiges Gefühl, als sich nach einer leichten Anhöhe plötzlich der Blick auf das endlos scheinende Wasser und den Horizont eröffnete. Ich glaube, wenn ich einmal alt bin, möchte ich am Meer wohnen.

In diesem Sinne, entsprechende Miet- oder Verkaufsangebote einfach an mich weiterleiten!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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