Papawelten

Zwei Jahre Papa oder: Ich mache mich jetzt überflüssig

So langsam dämmert es mir: die größte Herausforderung dabei, Kinder zu eigenständigen, verantwortungsbewussten Menschen zu erziehen, ist nicht das Erziehen. Es ist, sie eben das auch sein zu lassen: eigenständige, verantwortungsbewusste Menschen.

Noch ein knapper Monat und unsere Kleine wird zwei Jahre alt. Seit gut einer Woche geht sie in den Kindergarten. Bisher macht sie das ziemlich gut. Von Angst oder Unsicherheit keine Spur. Wobei mich das nicht wundert. Auch wir kommen gut damit klar. Das wundert mich schon eher. Den Gedanke, dass unsere Tochter nun werktags mehr wache Zeit mit anderen Menschen verbringt als mit Mama und/oder Papa, finde ich schon seltsam.

Meine eigene Mutter hat, nachdem sie mich während meiner Bundeswehrzeit das erste Mal in Uniform gesehen hat, zu mir gesagt: „das war ein ganz komisches Gefühl, dass die (gemeint waren die Ausbilder) dir mehr zu sagen haben als ich.“ Damals war ich 19 Jahre alt. Meine Tochter ist noch keine 2 Jahre alt. Ich darf mir gar nicht ausmalen, was noch alles auf uns zukommt: Einschulung, Klassenfahrten, vielleicht Ferienfreizeiten mit einem Sportverein, Pubertät, Führerschein – lauter kleine und größere Schritte zu mehr Selbstständigkeit und weniger Papa.

Derzeit bin ich noch der Größte, zumindest meistens. Wenn sie morgens aufwacht, sagt sie meistens einen von zwei Sätzen: „Papa, Turm bauen!“ oder „Papa, ei machen!“. Ersteren, wenn sie schon wach ist und sie mit ihren Legosteinen spielen will, letzteren, wenn sie noch ein wenig kuscheln möchte und ich ihr dabei über den Rücken streicheln soll. Wenn ich später am Küchentisch sitze und Zeitung lese, krabbelt sie auf meinen Schoß, um ebenfalls Zeitung zu lesen. Die Zeitung wird dann von ihr fair aufgeteilt, jeder einen Stapel, sie meistens den Sportteil. Ähnlich fair wird anschließend auch das Leberwurstbrot geteilt: ich das Brot, sie die Wurst.

Schon dass das irgendwann und vermutlich in absehbarer Zeit aufhören wird, verdränge ich. Dabei ist das ja eigentlich das Ziel des Ganzen. Mehr noch: alles, was ich in Hinblick auf meine Tochter tue, dient ja streng genommen diesem einen Zweck: mich selbst überflüssig zu machen (also im Grunde genommen das, was eine gute Führungskraft tun sollte, aber das ist eine andere Geschichte und ein anderes Thema). Da sein, wenn sie mich braucht, aber sie loslassen, wenn sie soweit ist.

Schon jetzt ist das eine Gratwanderung. Meine Tochter scheint das instinktiv begriffen zu haben. „Papa helfen“ sagt sie mindestens genauso oft wie „Papa nicht helfen“, „allein“ oder auch „Papa da stehen“ – und wehe ich stelle mich dann nicht genau dorthin, wo sie mich hinbefielt, damit sie sicher sein kann, dass ich sie nicht alleine machen lasse.

Ich habe mir von Anfang an vorgenommen, kein Übervater zu sein. In irgendeinem schlauen Buch habe ich einmal von einem Experiment gelesen: man hat Kindern ein Spielzeug mit vier Funktionen gegeben. Einem Teil der Kinder zeigte man eine dieser Funktionen. Die Kinder beschäftigten sich darauf intensiv mit eben dieser Funktion. Den anderen Kindern erklärte man das Spielzeug nicht, allerdings dauerte es nicht lange und die Kinder hatten von selbst alle vier Funktionen herausgefunden und spielten nun damit.

Das klingt so einfach. Doch schon jetzt ahne ich, dass das auf die kommenden 20 Jahre (oder länger?) betrachtet alles andere als einfach sein wird. Andererseits: von einfach hat ja auch nie jemand was gesagt, oder?

In diesem Sinne, Du machst das schon, mein kleines Mädchen!

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Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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