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Papa und der rosa Eimer oder: Was war das früher für ein Luxusleben?

Als mir auffiel, dass ich den rosa Eimer vergessen hatte, war es kurz nach 21 Uhr. Wir waren erst vor eineinhalb Stunden zurückgekommen. Die Chancen standen gut, dass der Eimer noch auf dem Spielplatz lag. Der war ohnehin nur ein paar hundert Meter entfernt und es war ein schöner Sommerabend. Die Kleine schlief, meine Frau lag auf dem Sofa. Wieso nicht eben zurückgehen und den Eimer holen. Eine Sache von ein paar Minuten und nebenbei ein schöner Spaziergang.

Dachte ich. Mit dem, was ich dann sah, hatte ich allerdings nicht gerechnet: Überall Menschen! Menschen auf dem Weg in den Park, ins Restaurant oder von dort wieder weg. Menschen auf dem Weg in die Kneipe. Menschen, die zu zweit, zu dritt oder zu viert schwatzend durch die Straßen gingen. Menschen, die auf Bänken saßen und Bier aus der Flasche tranken. Menschen, die auf Fahrrädern unterwegs waren. Menschen in Lokalen und Biergärten.

Nicht ungewöhnlich, werden Sie nun vielleicht sagen. Da haben Sie recht. Dass es die Menschen an einem lauen (oder in diesem Fall: ziemlich warmen) Sommerabend nach draußen zieht, ist nachvollziehbar. Dass mich das trotzdem überraschte, lag daran, dass ich beim Verlassen des Hause vor allem an den Spielplatz gedacht hatte. Um 21 Uhr würde der sicher leer sein (und war es dann auch). Die Kinder schlafen ja jetzt. Dass davon völlig unabhängig natürlich trotzdem Menschen unterwegs sein könnten und vermutlich sein würden, war in meinem Kopf schlicht nicht vorgekommen.

Ich habe das früher nicht verstanden. Ich habe es sogar als ziemlich anstrengend empfunden. Die meisten meiner Freunde haben gut zehn Jahre vor mir das erste Kind bekommen. Plötzlich drehte sich bei diesen Menschen alles nur noch um das eine Thema.

Klein Ida streckt nun schon den Po nach oben, bald wird sie Krabbeln. Der Kinderwagen ist super, passt aber nicht in den Kofferraum. Mini-Martin hat den ersten Zahn, da war die Nacht etwas anstrengend. Der kleine Dominik kann nun schon „Bitte“ und „Danke“ sagen. Und so weiter. Schrecklich!

Doch das war nicht alles: Geburtstagsfeiern, die früher ganze Nächte gedauert hatten, wurden plötzlich zu Brunch-Einladungen. Das sei einfacher und käme zudem den anderen Eltern mit Anhang entgegen. Spontan ein Bier trinken gehen? Keine Chance! Muss erst mit dem Babysitter, dem Partner und dem Wochenplan abgestimmt werden. Und immer garniert mit den Worten: Warte nur ab, bis Du selbst Kinder hast. Du wirst Dich noch wundern.

Was soll ich sagen: sie hatten wohl Recht. Seit ich Vater bin, dreht sich die Welt für mich irgendwie anders. Auszuschlafen heißt nun, dass ich bis 7 Uhr, vielleicht sogar bis halb acht im Bett liegen darf. Ich empfinde das als Luxus ! Vor allem, weil das natürlich die Ausnahme ist. Normal ist die Nacht gegen 6 Uhr zu Ende. Gemütlich frühstücken und in Ruhe Zeitung lesen funktioniert auch nur noch bedingt. Meine Frau achtet zwar unter der Woche darauf, dass ich meine 20 Minuten für mich habe, bevor ich ins Büro fahre (ich übernehme dafür die erste Schicht, so dass meine Frau noch etwas schlafen kann). Trotzdem hat sich meine Tochter angewöhnt, gerade in solchen Momenten zu mir zu kommen. Sie krabbelt dann auf meinen Schoß, greift mit der einen Hand nach meinem Brot und beginnt mit der anderen, auf die Bilder in der Zeitung zu deuten, und mir zu erklären, was sich dort abspielt. Das liebt sie und, zugegeben, ich liebe das auch.

Selbst oder gerade am Wochenende gehört mir meine Zeit nur noch sehr bedingt: mittags, wenn die Kleine schläft, und abends, nachdem sie im Bett ist. Das sind die Momente, über die ich theoretisch frei verfügen kann. Praktisch sind es aber auch die Momente, in denen ich die Dinge tun muss, für die am restlichen Tag keine Zeit war. Einfach etwas zu tun, weil man jetzt in dem Moment Lust darauf hat, ohne sich vorher mit der Frau abzusprechen, wer wann auf unsere Kleine aufpasst und wer in dieser Zeit „Freizeit“ hat – was war das früher ein Luxus! Und wie wenig war mir das bewusst?

Über all das denke ich nach, während ich alleine und mit einem rosa Spielzeugeimer in der Hand zwischen all den Menschen hindurch gehe, die vermutlich allesamt keine Ahnung haben, welcher Luxus das ist, einfach so durch den Abend zu treiben. Aber sie haben auch keine Ahnung, wie unglaublich schön es ist, dass da zuhause ein kleiner Mensch in seinem Kinderbett liegt, der ohne etwas dafür zu können oder sich das ausgesucht zu haben, mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat. Ein kleiner Mensch, der spätestens am nächsten Tag wieder begeistert und laut „Papa“ rufend durch den Flur sprinten wird, nur weil ich nach Hause komme. Auch das ist schließlich Luxus, nur eben anders.

In diesem Sinne, danke kleiner Mensch! Danke für alles!

PS: Den gesammelten Papa-Content gibt es hier.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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