Gedankenwelten

Zeitreisen

Letztens hat in der S-Bahn eine junge Frau neben mir gesessen. Sie hatte einen Stift in der Hand, mit dem sie immer wieder in einer Zeitschrift rumgekritzelt hat. Es war eines dieser bunten Heftchen mit einem Frauennamen auf dem Titel, der neusten Diät auf Seite drei und dem aktuellen Klatsch aus den europäischen Königshäusern am Ende. Dazu ein Psychotest mit einer Frage, die ich leider vergessen hab. Der Frau neben mir schien eben diese jedoch sehr wichtig zu sein. Mit beneidenswerter Inbrunst machte sie, jeweils nach kurzen Denkpausen, ein Kreuz nach dem anderen.

Die junge Frau und ich haben nur kurz nebeneinander gesessen. Ich musste Friedrichstraße aussteigen, sie ist weiter gefahren. Beim Aufstehen ist mein Blick allerdings für einen kurzen Moment an einer der Fragen des Tests hängen geblieben: „Sie können für einen Tag in der Zeit zurück reisen, wen würden Sie gerne treffen?“

Keine Ahnung, warum mir ausgerechnet diese Frage aufgefallen ist. Noch bevor ich die möglichen Antworten gelesen hatte (a-d), schoss mir allerdings als Antwort das Wort „mich“ durch den Kopf.
Zugegeben, vermutlich stand das nicht zur Wahl. Trotzdem wäre das doch mal spannend: das eigene Ich in der Vergangenheit, vor fünf, vor zehn oder vielleicht auch vor 20 Jahren zu treffen.
Was würde mir wohl der Felix von früher sagen, wenn ich ihm berichten würde, wie mein Leben bisher verlaufen wäre? Wäre er zufrieden? Enttäuscht?
Was würde ich einem Felix sagen, der aus einer fünf, zehn oder 20 Jahre entfernten Zukunft zu mir käme? Könnte er mir präsentieren, wovon ich jetzt noch träume? Oder wäre ich unglücklich, weil dieses zukünftige ich lange nicht da angekommen wäre, wo ich ihn heute gerne sehen würde?

Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich als Kind immer gedacht habe, wenn ich erstmal erwachsen bin, wird irgendwie alles anders.
Heute stelle ich fest, dass zumindest ich mich im Grunde genommen gar nicht so sehr verändert habe.

Sicher, ich bin älter und wohl auch reifer geworden. Ich habe gewisse Erfahrungen gemacht, bin in vielen Dingen souveräner geworden und habe gelernt, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für mich und mein Handeln zu übernehmen.
Trotzdem merke ich immer wieder, dass gewisse Grundmuster einfach bleiben. Zwar haben sich die Themen gewandelt, trotzdem gibt es immer wieder Situationen, in denen ich mich plötzlich fühle wie ein Zehnjähriger.

Ob es der Frau in der Bahn ähnlich geht, weiß ich nicht. Sie hätte am liebsten Marilyn Monroe getroffen.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Zeitreisen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

1 Kommentar Neues Kommentar hinzufügen

  1. Ja, das wäre eigentlich gar nicht schlecht.
    Dann könnte mir mein kindliches Ich endlich mal verraten, was ich damals für einen Berufswunsch hatte. Ich habe das nämlich vergessen. Sicher war es nicht Bankangestellte. Und wenn ich jetzt noch wüsste, was es wäre, wäre ich nun bereit es auszuprobieren.

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