Gedankenwelten

Zeitrechnung

Zeit existiert für mich seit etwa 1986. Damals wurde ich eingeschult, und schon bald bekamen wir eingetrichtert, dass oben rechts auf der Seite das Datum und erst darunter dann die Hausaufgaben zu stehen hätten. Zudem gab es das Super-GAU in Tschernobyl, das wohl erste Großereignis, dessen Folgen ich bewusst wahrgenommen habe. Die Chronologie hielt Einzug in mein Leben.

Zugegeben, auch mein vorheriges Leben ließe sich wohl recht eindeutig auf einem Zeitstrahl sortieren. In meiner Erinnerung jedoch sind es eher einzelne Bilder oder kurze Filme, die quasi-zeitlos im Raum stehen und keiner festen Ordnung zu folgen scheinen. Die Erinnerungsfragmente reihen sich aneinander wie die Szenen von Büchners Woyzeck. Zwar müssen einzelne Dinge vor anderen passiert sein, weil es eben die Logik so gebietet, die meisten Erinnerungen bleiben jedoch zeitlich gesehen austauschbar.

Das änderte sich mit der Einschulung. Binnen kürzester Zeit gesellten sich zu den Lebensjahren die Schuljahre. Zudem wurden Tage und Monate mit Zahlen versehen, die wir zu schreiben und zu lesen und nebenbei zu addieren und zu subtrahieren lernten. Der Tag war plötzlich nicht mehr endlos, sondern folgte einer in Stunden und Minuten unterteilten Ordnung.

Erinnere ich mich heute an diese Zeit, fällt mir vor allem auf, dass aus Erinnerungsfragmenten auf einmal zusammenhängende und zeitlich differenzierbare Ereignisketten werden. Es war das Jahr 198x oder 199x an dem dieses oder jenes passiert ist, darauf erst folgte dann dieses oder jenes andere Ereignis, usw.

Anfang der 1990er passierte dann plötzlich etwas anderes: die doch so klar einteilbare Zeit begann plötzlich wieder zu verschwimmen. Zwar kann ich noch immer das eine Ereignis von dem anderen trennen, im Zweifelsfall unter Zuhilfenahme von Hilfslinien (war das vor Urlaub xy oder danach; war ich in der Unter- oder in der Oberstufe, usw.). Trotzdem bin ich immer wieder überrascht, wie lange manche Dinge schon her sind oder, anders herum, wie wenig Zeit seit einer anderen Sache erst vergangen ist.

Bewusst geworden ist mir das wieder als ich den Titel des aktuellen Spiegels gelesen habe: “Geboren am 9. November 1989” oder, ich glaube es war die FAZ am Sonntag, “Die Einheit wird volljährig”. Ist das wirklich schon 18 Jahre her? Allerlei private und nicht private Ereignisse beginnen sich plötzlich zum zehnten oder gar zwanzigstens Mal zu jähren, und jedes Mal bin ich erneut überrascht (oder gar schockiert), dass seit diesem oder jenem Ereignis schon so viel Zeit vergangen ist.

Andererseits muss ich dann, wenn ich mir so ins Gedächtnis rufe, was in der Zeit seitdem so alles passiert ist, wieder zugeben, dass die Jahre keineswegs so einfach verstrichen sind. Im Gegenteil: so vieles ist passiert, dass die lange Zeitspanne plötzlich durchaus gerechtfertigt scheint.

Nun, ich bin jetzt 28, ein wohl insgesamt durchaus noch überschaubares Alter – wie soll das aber erstmal sein, wenn ich 56 oder gar 84 bin?

In diesem Sinne, frohes Zurückschauen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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