Gedankenwelten

Deutsches Bier

Deutschland sei toll, sagte der eine Traveller auf Englisch. Besonders Berlin. Ja, bestätigte der andere enthusiastisch, besonders das deutsche Bier sei großartig. Und die Clubs. Sie prosteten einander zu.

Es muss so gegen fünf Uhr morgens gewesen sein. Die jungen Männer, beide Anfang 20, waren Backpacker aus Australien. Einer aus Melbourne, einer aus Sydney. Beide waren schon seit ein paar Wochen auf unterschiedlichen Routen in Europa unterwegs. Sie hatten sich an diesem Abend beim PubCrawl kennengelernt, jener berühmt-berüchtigten organisierten Sauftour, die jedes Jahr pünktlich zum Sommerloch in den unterschiedlichsten Medien rumgereicht wird.

Berlin sei die beste Stadt in Deutschland, erklärte der eine Australier bestimmt, mindestens so gut wie Amsterdam. Nur dass man hier nicht kiffen dürfe, das störe etwas. Der andere nickte. Aber das deutsche Bier, das sei großartig. Das beste der Welt. Sie prosteten einander zu. Einer von beiden zog einen abgegriffenen Reiseführer aus der Tasche. Offenbar versuchten sie, die Route der absolvierten Kneipentour auf der Karte nachzuvollziehen.

Schließlich wandten sich an mich. Ob das hier, Kreuzberg, eigentlich West- oder Ostberlin sei, wollten sie von mir wissen, nachdem sie getrunken hatten. Und wo denn eigentlich diese Berliner Mauer genau wäre, auf der Karte sei die nicht eingezeichnet. Ich erklärte es ihnen. Beide waren sichtlich überrascht. Damit hatten sie nicht gerechnet. Sowohl die Tatsache, dass die Mauer seit fast 20 Jahren Geschichte und Kreuzberg ein Teil Westberlins war, schien sie zu verwirren.

Auf den Schreck tranken beide noch einen Schluck Bier. Dann reichten sie mir die leeren Flaschen. “German beer – best beer on the world”, lobten sie erneut, “we’ll have another one”. Beide nahmen sich ein Becks Lemon aus dem Kühlschrank und prosteten einander zu.

In diesem Sinne, auch Reiseführer-Lesen kann bilden – muss aber nicht.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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