Papawelten

Zehn Monate Papa oder: Warum ich mich vor anderen Eltern fürchte

Manchmal stelle ich mir vor, wie sich die anderen Eltern heimlich zusammensetzen. Abends bei einem von ihnen zuhause vielleicht. Oder irgendwann zwischendurch, irgendwo im KiTa-Flur. Einer wird dann auserkoren, der es uns sagen muss. „Wir denken, es wäre besser, wenn Sie Ihre Tochter wieder von der KiTa abmelden. Als Thomas sie nicht mit seinem Spielzeug spielen lassen wollte, hat sie ihn so lange angebrummt, bis er weinend weggelaufen ist. Und die kleine Sophie hat sie nun schon das dritte Mal an den Haaren gezogen. Wissen Sie, die anderen Kinder haben einfach Angst, seit ihre Tochter in der Gruppe ist!“

Dieses Gespräch hat bisher natürlich nur in meiner Phantasie stattgefunden, schon weil unsere Kleine noch nicht in die KiTa geht. Trotzdem frage ich mich als Vater natürlich, was für ein Typ meine Tochter einmal sein wird? Eher schüchtern und ruhig? Eine artige Streberin? Oder doch eher laut und bestimmend? Vielleicht der unbremsbare Schrecken aller Erzieher, Lehrer und besagter anderer Eltern? Was tut man, wenn die eigene Tochter von anderen Kindern geärgert wird und womöglich weinend aus dem Kindergarten oder der Schule nach Hause kommt? Oder muss ich mir eher Sorgen machen, dass meine Tochter der Grund ist, aus dem andere Kinder weinend zuhause auflaufen?

Derzeit fürchte ich mich eher vor letzterem. Mit ihren zehn Monaten hat meine Tochter nicht nur einen sehr ausgeprägten Willen. Sie äußert diesen auch sehr deutlich. Und wehe, die Eltern parieren dann nicht! Papa weigert sich, ihr seine Brille zum Spielen zu überlassen? Das kann schon mal Grund genug sein für ein wütendes Weinen. Die Eltern finden, die Klobürste ist kein Spielzeug für ein kleines Kind? Was erlauben sich eigentlich diese Eltern!

Die Tatsache, dass die Kleine inzwischen nicht nur krabbelt, sondern sich auch an allem hochzieht, um dann auf zwei Beinen weiter zu tapsen, macht es nicht leichter. Steht mal kein Tisch, Sofa, Schrank, Stuhl oder ähnliches zur Verfügung, werden beide Hände auffordernd in die Höhe gestreckt. „Papa, festhalten bitte, ich möchte nämlich gerne einmal quer über den Spielplatz laufen!“ Und wehe, ich komme dieser Aufforderung nicht nach!

Andererseits liebe ich auch genau das an meiner kleinen Maus: diese Energie, mit der sie sich ihre Welt erschließt. Angst scheint sie nicht zu kennen. Wenn ihr auf dem Spielplatz ein fremdes Spielzeug gefällt, stapft sie munter darauf zu. Wartete sie früher noch ab, ob einer von uns Eltern hinterher käme, bevor sie in den Flur und in ein anderes Zimmer krabbelte, rast sie nun einfach los. Mindestens einmal am Tag passiert es, dass sie hinfällt oder sich sonstwie weh tut, weil sie dann doch zu schnell für ihre kleinen Beine und Arme war. Bremsen tut sie das aber nur für kurze Zeit. Als sie sich kürzlich die kleine Hand in der Tür des Kleiderschrankes eingeklemmt hat (die sie vorher diverse Male begeistert auf und zu gemacht hat), war der Schrank nicht etwa böse. Vielmehr wollte sie nach kurzem Weinen genau da weitermachen, wo die eingeklemmte Hand sie unterbrochen hatte: Tür auf, Tür zu.

Herrlich ist auch die Freude, mit der sie all das tut. Hebe ich sie hoch, damit sie den Lichtschalter betätigen kann, zeigt sie danach begeistert mit dem Finger auf die Lampe, ruft „booooah!“ und kriegt sich gar nicht mehr ein vor Freude und Staunen darüber, was sie mit ihrer kleinen Bewegung erreicht hat. Sehen wir bei einem Spaziergang einen (möglichst großen) Hund, quittiert sie das mit einem aufgeregten „Wau!“ (zumindest klingt es für mich nach einem Wau, so ganz sicher bin ich mir aber nicht). Fahren wir mit dem Aufzug, besteht sie darauf, dass der Kinderwagen so nah den den Knöpfen steht, dass sie auch den Knopf für unsere Etage drücken kann – und gerne auch noch alle anderen Knöpfe. Zum Glück funktioniert das noch nicht so gut, die Fahrstuhlknöpfe sind offensichtlich etwas schwergängiger als die Lichtschalter in unserer Wohnung.

Für mich als Papa ist es jeden Tag aufs Neue ein Phänomen, wie dieser kleine Mensch sich entwickelt und immer mehr zu einer eigenen Persönlichkeit heranreift. Gleichzeitig wird schon jetzt deutlich: wir werden sicher nicht immer bei allem einer Meinung sein. Was ja eigentlich genau das ist, worum es beim Erziehen von Kindern geht. Sie sollen ja lernen, selbst zu denken, eine eigene Meinung zu haben, auch mal etwas doof zu finden, was die Eltern vielleicht gut finden.

Trotzdem graut es mir schon jetzt davor, wann die kleine wohl soweit ist, dass sie das erste Mal sagt: Papa, jetzt finde ich Dich doof, weil Du mir das nicht erlaubst. All zu lange dürfte es bis dahin nicht mehr dauern. Kurz danach diskutieren wir dann wahrscheinlich abendliche Ausgehzeiten, Taschengelderhöhungen und warum sie bei der Party von „Moritz aus der B“ selbstverständlich dabei sein muss.

In diesem Sinne, wer noch nicht genug hat – alle Papa-Baby-Artikel sind hier gesammelt. Viel Spaß damit!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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