Gedankenwelten

Weißes Papier

Das Ende einer Beziehung ist selten schön. Aber muss ich deswegen gleich die Katze der Ex ausschütteln, „bis alles herausfällt, was sie jemals aus meiner Hand fraß„?

Sven Regener sieht das so. Es sind die ersten Zeilen des mittlerweile 14 Jahre alten Element of Crime Songs „Weißes Papier“ (und nebenbei ein Lieblingslied meines besten Freundes). Das Lied lässt offen, wer wen verlassen hat, im Vordergrund steht der Wunsch, sich von allem zu trennen, was in irgendeiner Form mit der Beziehung in Verbindung gebracht werden kann – und zwar für beide Seiten: „Nichts soll dir boese Erinnerung sein, verraten, was ich dir gewesen bin.“ Am liebsten, bekennt der ich-Erzähler des Liedes, wäre er wieder so „rein und dumm wie weißes Papier.“

Melancholisch-komisch wird in dem Lied beschrieben, wie jemand krampfhaft alles meidet, was ihn mit der Person verbindet, der er anscheinend einmal nahe war. Statt von Tellern wird nun vom Fußboden gegessen und selbst der Blick aufs Meer ist kontaminiert mit Erinnerungen. Am liebsten, heißt es in der letzten Strophe, wäre der Ich-Erzähler Astronaut und flöge zu sternen, wo „nichts vertraut und versaut durch die Berührung von Dir“ sei.

So ironisch angehaucht das alles formuliert ist, zwischen den Zeilen scheint zugleich eine trotzige Hoffnung durch. Das Ende einer Beziehung ist schmerzhaft, zugleich wohnt dem aber auch immer eine Befreiung inne. Ein Motiv, das bei „Weißes Papier“ am Rande auftaucht und mehr als zehn Jahre später in „Delmenhorst“ erneut aufgegriffen wird: „Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist, und das ist immer Delmenhorst. Es ist schön, wenn’s nicht mehr weh tut; und wo zu sein, wo du nie warst.“

Es mag sich schlimm anhören, aber ich kann das sehr gut nachvollziehen. Das Ende einer Beziehung ist fast immer schmerzhaft und hinterlässt unter Umständen große Flecken auf dem früher einmal weißen Papier. Doch auch wenn diese Flecken nie ganz verschwinden, so verblassen sie doch mit der Zeit. Rückblickend stellt man dann irgendwann fest, dass es unter Umständen tatsächlich die beste Lösung war, einen Punkt zu machen und an anderer Stelle weiter zu schreiben. Dass das Ende traurig, aber auch befreiend war.

Wohl keiner ist ein wirklich unbeschriebenes Blatt oder wird es jemals wieder sein. Da hilft auch das energischste Schütteln von Haustieren nicht. Andererseits ist das vielleicht auch ganz gut so: der absolute Neuanfang mag in der Theorie reizvoll klingen, aber will man in der Praxis wirklich auf all die bisher gemachten Erfahrungen verzichten?

Ich will nicht sagen, dass ich auf alles stolz bin, was so auf meinem Blatt Papier angesammelt hat. Andererseits ist es aber nun mal ein Teil von mir. Ohne die Flecken wäre ich nicht ich.

In diesem Sinne, verschont die Katzen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Die wichtigste Zeile in dem Lied ist allerdings die letzte. Sie wird leider oft übersehen. Sie ist der Grund dafür, dass ich dieses Lied mein Lieblingslied nenne. Sven Regener kommt nämlich zum selben Schluss wie Du:
    „Ich werde nie mehr so rein und so dumm sein wie weißes Papier.“
    Tolle Grüße, Dein bester Freund Basti.

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