Gedankenwelten

Wandansichten

Sein Sohn soll William heißen. Für Liam entbehrt diese Nachricht nicht einer gewissen Tragik. Am Ende bleibt allerdings offen, ob er William jemals zu Gesicht bekommen wird. Als Zuschauer bekommen wir nur eine Ahnung von dem Leben, vor der Liam nach Indien geflohen ist, nicht mehr.

Wie bei den anderen Protagonisten von „Hotel Very Welcome“ bleiben wir in vielerlei Hinsicht außen vor. Wir müssen raten, woran Marions Beziehung krankt, wieso Svenja so gut wie nie das Hotelzimmer verlässt und ob Joshuas und Adams Freundschaft am Ende des gemeinsamen Urlaubs wirklich am Ende ist. Das Schlimme daran ist, dass es wohl keinen Unterschied gemacht hätte, wenn wir die Schauspieler statt im Kino tatsächlich in Asien getroffen hätten. Diesbezüglich ist Sonja Heiss Film erschreckend realistisch.

Backpacker gelten gewöhnlich als recht kommunikativ. Zugleich sind sie aber oft auch sehr oberflächlich. Viele Gespräche beschränken sich auf genau drei Fragen: Wo kommst Du her, wo gehst Du hin, wie lange bist Du schon unterwegs. Hinzu kommt, dass das permanente Unterwegs-Sein ja quasi dazu einlädt, sich an jedem neuen Ort auch ein wenig neu zu erfinden. Zumindest für den Moment.

In einem Interview wurde die Regisseurin einmal gefragt, ob das, was man auf so einer Reise raus findet, vor der Wirklichkeit zu Hause überhaupt standhalten könnte. Sonja Hess verneint das. Im Idealfall könne man seine Probleme zu Hause für eine Weile vergessen, weil man abgelenkt wird. „Findet man sich jedoch alleine in einem Hotelzimmer wieder, so kehren sie doch ständig zu einem zurück.“

Entsprechend trifft man Backpacker normalerweise auch nicht auf Hotelzimmern. Überhaupt verbringen die meisten Reisenden erstaunlich wenig Zeit in ihren temporären Behausungen. Das macht auch durchaus Sinn: schließlich ist man nicht tausende Kilometer weit geflogen, bloß um dort auf eine Wand zu starren, die sich höchstens in der Farbe und Sauberkeit von der Wand in der Wohnung zu Hause unterscheidet. Andererseits tun viele Backpacker auch sonst tausende Kilometer von zu Hause nichts anderes, als das, was sie zu Hause ohnehin tun: Feiern, Flirten, F…en.

Hotel Very Welcome endet offen, unverbindlich. Es bleibt der Phantasie der Zuschauer überlassen, sich den weiteren Lebensweg der fünf Protagonisten auszumalen. Eine weitere interessante Parallele zum echten Leben.

In diesem Sinne, frohes Phantasieren!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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