Karlsruhe Mitmenschen

Verkaufsoffen

Wenn ich mal ein Telefon ohne Wählmöglichkeit verkaufen möchte oder ein Fahrrad ohne Rahmen: ich werde es sonntags tun. Dann kaufen die Leute nämlich alles. Dieses Gefühl hatte ich zumindest gestern Nachmittag, als ich durch die Karlsruher Innenstadt gelaufen bin.

“Verkaufsoffener Sonntag” – das klingt in der Theorie reichlich unspektakulär. In der Praxis aber heißt es, dass sämtliche Bewohner einer Stadt sich einig sind, an diesem einen Sonntag die Innenstadt zu stürmen. Selbst Geschäfte, die sonst menschenleer sind, werden plötzlich von wahren Menschentsunamis geflutet. Dinge, die sonst niemand haben möchte – sonntags prügeln sich die Massen darum.

Gut, der letzte Teil war vielleicht übertrieben. Geprügelt hat sich zumindest meines Wissens niemand. Trotzdem frage ich mich, was ein Tag wie der gestrige, verkaufsoffene Sonntag über den Menschen an sich aussagt. Muss man wirklich einfach nur sonntags seinen Laden öffnen und schon kauft er, was das Zeug hält?

Die Antwort lautet ja. Nicht anders funktionieren die Verkaufssender im Fernsehen. Gekonnt präsentieren sie einem nicht nur ein Produkt, sondern vor allem die scheinbar einmalige Chance, dieses Produkt zu besitzen. Ob man es überhaupt braucht, wird da schnell zweitrangig. Schlägt man jetzt nicht zu, wird man es schließlich nie erfahren – und bekommt auch nicht die beiden Ersatzbürsten gratis mit dazu. Gratis! Wen interessiert da noch, ob man die Bürsten überhaupt braucht?

Kurioserweise klappt dieses Prinzip auch zwischenmenschlich. Ich habe mich schon mehrfach selbst dabei erwischt, wie mir eine Frau erst dann gefiel, wenn sich ein anderer Mann für sie interessiert hat. Möglich, dass sie kurz vorher noch bei mir abgeblitzt ist – wenn sich nun jemand anders um sie bemüht, dann weckt das plötzlich doch mein Interesse. Jagdinstinkt? Vermutlich auch. Vor allem aber tendiert der Mensch nun einmal dazu, sich auf das zu stürzen, was knapp zu werden droht. Das Grundprinzip jeder Marktwirtschaft.

Gekauft habe ich am Sonntag jedenfalls nichts. Es war mir einfach zu voll. Statt dessen habe ich mich in ein Café am Marktplatz gesetzt und habe in aller Ruhe ein Weißbier getrunken, während ich dem Wahnsinn um mich herum zugeschaut habe. Sehr entspannend – gerade weil alle anderen so im Stress waren.

In diesem Sinne, einen schönen Start in die neue Woche!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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