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Vater-Sohn-Gespräch (Onlineshopping)

“Und Ihr seid damals tatsächlich in ein Geschäft gegangen, um Dinge zu kaufen?”

Mein Sohn sah mich ungläubig an. Er konnte sich offenbar wirklich nicht vorstellen, dass die Menschen sich früher physisch in ein Geschäft begeben haben, um Lebensmittel, Bücher, Computer oder Kleidung zu kaufen.

“Aber was habt Ihr gemacht,  wenn ihr gerade in einem Geschäft mit Lebensmitteln gewesen seid, Euch dann aber einfiel, dass ihr doch lieber eine neue Jacke kaufen wolltet? Und was habt Ihr gemacht, wenn Ihr in einem Buchladen ein Buch downloaden… äh, kaufen wolltet, dieses Buch aber gerade von jemand anderem gekauft worden war?”

Ich weiß gar nicht mehr, wann das letzte herkömmliche Geschäft seine Türen für immer geschlossen und dem Online-Handel das Feld überlassen hatte. Als ich so meinen Sohn eine Frage nach der anderen abschießen hörte, wunderte es mich aber nicht mehr , dass es soweit gekommen war.

“Und Ihr seid dann echt von Geschäft zu Geschäft gelaufen? Wie haben es diese Geschäfte geschafft, die Produktbewertungen synchron zu halten? Und wo haben sie die überhaupt hingetan? Direkt an die Dinge, die man kaufen konnte? Hatten immer alle Geschäfte alle Dinge vorrätig? Und ist wirklich jeder einzeln zum Geschäft hin und wieder zurück gefahren?”

Wie lange war das eigentlich her? Fünf Jahre? Zehn Jahre? Ich kann mich kaum noch daran erinnern. Nach meinem letzten Supermarktbesuch war ich noch wochenlang an einem Rewerealedekaaldilidlkaufland vorbei gekommen, ohne weiter darauf zu achten. Der Umstieg zur Kühlschrank-Voll-App war mir so natürlich vorgekommen, dass mir das Ladenlokal erst wieder ins Auge sprang, als dort nur noch Liefer- statt Einkaufswagen vor standen, die von den früheren Kassierern mit Waren beladen wurden.

“Sorry Papa, ich kann mir das echt nicht vorstellen. Wieso habt ihr an so etwas Unpraktischem so lange festgehalten? Das Internet und Onlineshopping sind doch schon in den 1990ern erfunden worden!”

Ich zögerte einen Moment, bis ich antwortete. Was sollte ich sagen? Vom Spaß eines Shoppingsamstags erzählen? Unglaubwürdig aus meinem Mund. Etwas von der guten alten Zeit faseln? So alt war ich noch nicht. Das Lied vom kleinen Geschäftsmann singen, der sein Geschäft in der siebten Generation führte, inklusive Stammkunden und menschlicher Nähe? Bullshit! Die meisten von ihnen waren längst von den großen Ketten verdrängt worden, die nun wiederum von einem Internet-Start-Up verdrängt worden waren.

“Tja, mein Sohn, das weiß ich auch nicht… “

In diesem Sinne, ich bin dann mal einkaufen…

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Wie gruselig irgendwie…aber so wird’s eventuell werden.Obwohl ich als Frau gerne Klamotten und Lebensmittel physisch kaufen gehe :) aber: es lebe amazon! Grad zur Weihnachtszeit :) LG

  2. Lebensmittel? Echt? Ein Lieferdienst für Lebensmittel, der alle paar Tage einen online gepflegten Einkaufszettel abarbeitet, fände ich schon extrem praktisch… Klamotten dagegen kaufe ich auch meist noch lieber im Geschäft.

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