Desillussionierend Tresenweisheiten

Unverhofft und Unerwartet

2009-09-06 unfallEine Freundin von mir ist kürzlich mit dem Fahrrad gegen ein parkendes Auto gefahren. Es war mitten in der Nacht, und es war ein dunkles Auto, daher unterstelle ich ihr, dass sie nicht absichtlich dagegen geradelt ist.

Im Gegenteil: Viel Zeit, sich auf den Zusammenstoß vorzubereiten, dürfte sie nicht gehabt haben. Ansonsten wäre der Aufprall wohl  auch für beide glimpflicher ausgegangen. Nun müssen beide mit den Beulen des Unfalls leben.

Es wäre gelogen, würde ich sagen, die beiden täten mir nicht leid – die Freundin noch mehr als das Auto. Allerdings illustrieren beide sehr nachdrücklich, wie unvorbereitet wir in der Regel vom Schicksal eingeholt werden.

Man sollte meinen, einer wichtigen Veränderung ginge in der Regel auch ein entsprechendes Vorspiel voraus. Eine unüberhörbare Warnung oder wenigstens eine eindeutige Ahnung, dass eine größere Veränderung ins Haus steht. Meist ist dem allerdings nicht so.

Als ich das erste Mal in meinem Leben Skifahren war, musste nur ein geliehener Skistock daran glauben. Meine Knochen blieben wider Erwarten heil. Als mich meine damalige Zeitschrift vor neuneinhalb Jahren in das gerade befriedete Kosovo schickte, ging ich am Vorabend mit einem reichlich komischen Gefühl joggen. Nach allem, was man mir erzählt hatte, war ich fast sicher, bei der Reportage-Reise mindestes ein Bein durch eine Mine zu verlieren.

Ich habe noch beide Beine. Dafür habe ich mir vor nicht all zu langer Zeit die Hand gebrochen, als ich mich sonntags-abends zum DVD-Gucken aufs Bett gesetzt habe. Auch habe ich noch heute einen etwas demolierten Zeh, weil ich 1997 in Spanien beim Duschen ausgerutscht und gegen den Türrahmen geknallt bin. Und dass ich nun in Konstanz wohne verdanke ich einer Bewerbung, die ich wegen einer zufällig besuchten Internetseite geschrieben habe.

Ja, tatsächlich scheinen uns die wirklich großen Ereignisse in der Regel nie dann zu erwischen, wenn auch damit rechnen. Das gilt bei versehentlichen Selbstverstümmelungen, die ein Leben für ein paar Wochen oder auch für immer durcheinander wirbeln; das gilt aber auch für fast alle anderen Umstürze, die sich vielleicht nicht in gebrochenen oder gar abgerissenen Gliedmaßen manifestieren, aber deswegen nicht weniger tiefschürfend sein müssen.

So oft wähnen wir uns am Vorabend einer bedeutenden Umwälzung zu stehen, ohne dass auch nur die geringste Veränderung auf uns wartet. Zugleich vermag es eine scheinbar banale Situation alles zu verändern, ohne dass wir es vorher auch nur geahnt hätten. Zum Guten, oder zum Schlechten. Und genau das ist der Haken an der Sache.

In diesem Sinne, Augen auf beim nächtlichen Radfahren!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.