Gedankenwelten Zeitreisen

Über das Erinnern, das Vergessen und die Angst davor

Ich habe Angst, Dinge zu vergessen. Immer schon. Was ist das Leben, wenn man sich nicht daran erinnert? Seit mehr als drei Jahrzehnten schreibe ich daher meine Erinnerungen und Gedanken auf. Ja, der aufmerksame (oder einfach: langjährige) Leser dieses Blogs wird nun einwerfen, dass ich da doch noch ein Kind gewesen sein muss. Das ist richtig. Tatsächlich stammt der erste (erhaltene) Eintrag in meiner Notizbuchsammlung aus meiner Grundschulzeit.

Warum ich damals angefangen habe, aufzuschreiben, was ich erlebt und gedacht habe, weiß ich gar nicht mehr so genau. Ich glaube, ich habe mir einfach keine großen Gedanken darüber gemacht. Das Aufschreiben war mehr instinktiv als überlegt. Zu Schreiben hilft mir, meine Gedanken zu sortieren. Schreiben bremst meinen Kopf auf eine Geschwindigkeit herunter, bei der ich selbst noch mitlesen kann. Manchmal ist das nötig.

Mein Erinnern habe ich, ohne es explizit so festzuhalten, immer in drei Ebenen unterteilt. Es gab das „gerade eben“, „die Vergangenheit“ und „die Kindheit“.

Gerade eben meint das, was irgendwo zwischen ein paar Minuten und ein paar Tagen liegt. Wann genau mein Kopf Erinnerungen aus dieser Kategorie in die nächste schiebt, ist nicht klar abgegrenzt. Irgendwann stelle ich fest: huch, ist das auch schon wieder so und so lange her. Oft begleitet von einer gewissen Wehmut.

Die Erinnerungskategorie Kindheit unterscheidet sich davon vor allem dadurch, dass sie sich zeitlich schlechter eingrenzen lässt. Sie ist fragmentarischer. Ich sehe lebhaft vor mir, wie ich das erste Mal alleine mit dem Fahrrad gefahren bin. Aber wann genau das war, weiß ich nicht mehr. Auch nicht, ob es vor oder nach anderen Erinnerungen stattgefunden hat, die gleichwertig diffus durch meinen Kopf geistern.

Diese drei Ebenen haben viele Jahr gut funktioniert, ohne dass ich mir Gedanken darüber gemacht habe. Bis vor einigen Jahren, so ab Mitte 30 etwa, plötzlich zwei Dinge passierten:

Erstens: Plötzlich schob sich eine weitere Ebene zwischen Kindheit und Vergangenheit, die ich in Ermangelung eines besseren Namens „früher“ genannt habe und deren Detailgrad rapide abzunehmen scheint, je länger sie her ist. Das unterscheidet diese Ebene von der bloßen Vergangenheit.

Zweitens: Mir wurde klar, was ich alles vergessen habe, was in diese neue Kategorie gehört. Das klingt seltsam, hat mich im ersten Moment aber ziemlich erschreckt. Blättere ich in alten Aufzeichnungen, fallen mir auf einmal Erlebnisse auf, die sich offenbar komplett aus meinem Kopf verabschiedet hatten. Ich lese und habe das Gefühl, die Aufzeichnungen eines Fremden durchzublättern. Zumindest in den ersten Minuten ist es manchmal so. Dann scheint der Archivar in meinem Kopf, angeregt durch das Aufgeschriebene, die nötigen Aktenordner hervorgekramt zu haben. Zumindest die, die noch aufzufinden waren.

Denn manches bleibt trotz angestrengten Nachdenkens im Dunkeln. Für jemanden, der nicht vergessen möchte, ist das durchaus eine unheimliche Erkenntnis.

Kürzlich habe ich eines meiner beiden Rucksack-Weltreise-Fotoalben durchgeblättert (ja, damals gab es sowas noch). Die Reise ist inzwischen fast 20 Jahre her. Viele Erinnerungen sind so präsent, dass ich mich noch gut erinnern kann. Trotzdem scheint diese Erfahrung gerade von „Vergangenheit“ zu „früher“ zu rutschen.

Ein Foto zeigt meine Familie und mich, wie wir am Flughafen stehen. Ich habe gerade meinen Rucksack als „Sperrgepäck“ aufgegeben. Bis zum Abflug nach Buenos Aires mit Umsteigen in London und Zwischenstopp in Sao Paulo sind es noch zwei Stunden. Mein Vater hat gerade ein letztes, deutsches Bier vor mir abgestellt, mit dem wir auf mein Abenteuer anstoßen wollen. Ich sehe das alles noch sehr lebhaft vor mir. Und gleichzeitig sehe ich die Lücken, die sich danach auftun.

Die Weltreise war nach der Bundeswehr wohl eines der größten Abenteuer meines Lebens bis dahin. Entsprechend tief haben sich viele Erinnerungen in mein Gedächtnis eingegraben. Trotzdem wird es dunkel, wenn ich mich versuche, daran zu erinnern, wie ich in Argentinien am Flughafen durch die Passkontrolle gegangen bin, wie ich den Bus in die Stadt gestiegen bin, wie ich die erste Fahrt auf diesen für mich neuen Kontinent erlebt habe.

Die Hirnforscher unter Euch werden nun sagen: das ist doch ganz normal! So funktioniert das Gedächtnis. Es kann sich gar nicht an alles erinnern, man würde verrückt werden.

Das weiß ich natürlich. Trotzdem empfinde ich es, wenn ich erstmal anfange, darüber nachzudenken, als unheimlich. Je älter ich werde, desto mehr Erinnerungen wandern von der noch recht klar vor mir liegenden Vergangenheit in ein „früher“, das klar in einzelnen Szenen, aber komplett fragmentiert und diffus in anderen ist.  Vor allem: dieser Prozess scheint, ganz egal, wie viel ich aufschreibe, ein Stück weit außerhalb meiner Kontrolle stattzufinden. Er passiert einfach und bleibt unbemerkt, so lange ich nicht bewusst versuche, mich an eine bestimmte Situation zu erinnern, etwa, weil ich seit langem mal wieder in alten Tagebüchern blättere.

Ich habe einmal gelesen, dass bei älteren Menschen plötzlich besonders frühe Erinnerungen stärker werden, während die jüngere Vergangenheit immer blasser zu werden scheint. Das gilt besonders bei Krankheiten, die direkt auf das Erinnerungsvermögen wirken, etwa Alzheimer. Ein 90-Jähriger weiß dann nicht mehr, was er am Vortag gegessen hat, erinnert sich aber lebhaft an das Weihnachtsessen von vor 80 Jahren.

Ich würde mich selbst gerade weder als alt noch als jung bezeichnen. Ich habe schon ein paar Jahre hinter mir, wenn es gut läuft, habe ich aber nochmal so viele vor mir. Der Speicher in meinem Kopf wird also noch ein paar Erinnerungen aufnehmen müssen. Ich bin gespannt, welche das sein werden.

In diesem Sinne, auf das Erinnern – und das Vergessen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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