Gedankenwelten Ravensburg

Trauriges Inventar

Im Winter legt er Zeitungen unter, das isoliert. Eine Weile dachte ich, er wäre verschwunden, vielleicht vertrieben von den vielen Verkaufsständen und Fressbuden des Weihnachtsmarktes, die gerade dicht bei dicht auf dem Marienplatz stehen. Doch gestern habe ich ihn wieder gesehen.

Als wäre er nie weg gewesen saß er an seinen Mülleimer gelehnt da und beobachtete die Leute, die vorüber gingen. Sein langer Bart war verfilzt, wie immer, seine Kleidung zerschlissen. An seinem Fahrrad war immer noch all das unnütze Zeug befestigt, dass er manchmal mit sich rum schiebt. Ein Papierfähnchen, etwa, und ein kleines Windrad, das sich dreht, wenn man dagegen pustet.

Ich glaube nicht, dass er eine Wohnung hat. Überhaupt frage ich mich manchmal, ob er noch in derselben Welt lebt, wie ich. Die meisten Menschen ignorieren ihn, und doch ist er für viele so etwas wie ein Stück Ravensburger Inventar. Das sagen sie jedenfalls, wenn man sie auf den (vermeintlich) Obdachlosen vom Marienplatz anspricht. Von sich aus reden die meisten nicht von ihm. 

Wenn er wollte, könnte er vermutlich viel erzählen. Er muss eine Menge mitbekommen, wenn er so Stunde um Stunde da sitzt und vor sich hin starrt. Manchmal frage ich mich, ob ich ihn ansprechen soll. Ihn einfach fragen, wie er die Welt sieht und wie es kommt, dass er fast jeden Tag auf dem Marienplatz auf dem Boden sitzt. Was er früher gemacht hat und ob er noch Träume für die Zukunft hat. Zumindest in meinen Gedanken ist das ein interessantes Gespräch. Vielleicht nur in meinen Gedanken.

In diesem Sinne, Gruß an den Mann auf dem Marienplatz!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.