Gedankenwelten

Tagschicht

Tagschichten sind anders. Verglichen mit mancher Nacht kommen zwar nicht unbedingt mehr Leute an die Rezeption, die große Masse davon ist aber nicht betrunken. Statt Hip Hop Verse grölende Gettho-Kids an die Nachtruhe zu erinnern, sieht man die selben 15jährigen nun mit ihren Lehrern von Museum zu Museum pilgern, und zu Schichtende ist es nicht wieder, sondern immer noch hell (gilt zumindest für die Frühschicht).

Andererseits muss man leider sagen: Verrückte gibt es dann doch nicht nur nachts. Ich denke da zum Beispiel an die graugesichtige Frau mittleren Alters, die vorgestern mit schläfrigem, aber deswegen nicht minder dramatischen Blick vor mir stand und darauf bestand, sie würde jetzt sofort ausziehen. Das Zimmer sei gespenstisch und überhaupt: sie sei nicht zufrieden.

Was nun genau nicht stimmte, konnte sie mir nicht sagen, auch ein anderes Zimmer wollte sie nicht akzeptieren. Monoton wiederholte sie in unterschiedlichen Variationen immer die selben seltsamen Argumente, völlig egal, was ich sie fragte. Das Zimmer sei gespenstisch, außerdem sei das ja eh ein Hotel für junge Leute und nicht für sie; sie würde nicht bleiben wollen.

Irgendwann fing sie an, ihr „gespenstisch“ auch auf das Treppenhaus auszudehnen. Zugleich begann sie, andere, zufällig vorbeikommende, Gäste eindringlich und mit zischender Stimme vor den jungen Leuten zu warnen. Normalerweise bin ich ja in solchen Fällen recht geduldig, aber an diesem Punkt habe selbst ich aufgegeben.
Wie gesagt, Verrückte gibt es eben nicht nur nachts.

Andererseits gibt es aber auch schöne Erlebnisse. Etwa wenn sich ein zwar anstrengender, aber nicht verrückter Gast bei der Abreise noch einmal für den guten Service und für das nette Gespräch vom Vorabend bedankt – mit einem Händedruck und einer kleinen Geschenktüte (Inhalt: ein T-Shirt, eine Flasche Bier und ein Schokoriegel).

In diesem Sinne, Vorsicht vor den jungen Leuten!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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