Gedankenwelten

Anfänge

Ich mag Anfänge. Alles ist noch offen und der Weg zurück ist kurz. Je weiter man sich vom Anfang entfernt, desto schwieriger wird es, die Richtung zu ändern, und desto höher ist die Hemmschwelle, es überhaupt zu versuchen.

Als ich vor sieben Jahren mein erstes Studium in Düsseldorf angefangen hab war ich so entspannt wie während des ganzen Studiums nicht. Die ersten Wochen waren ein buntes Abenteuer. Den Startpunkt quasi in Sichtweite schien die Möglichkeit der Umkehr so nah, dass der Weg nach vorne kein großes Problem darstellte. Was gab es schon zu verlieren? Hätte ich mich an diesem Punkt entschieden, statt Politik lieber Medizin oder Jura zu studieren, es wäre kein großes Ding gewesen. (Tatsächlich habe ich während dieses ersten Studiums nebenbei ein paar Jura-Vorlesungen besucht, aber das nur mal so am Rande).

Allerdings rückte jedes erfolgreich abgeschlossene Seminar, jeder erworbene Schein und jedes beendete Semester das Startpunkt ein Stückchen weiter weg; irgendwann war er nur noch ein kleiner Fleck am Horizont. Die Umkehr wäre natürlich weiter möglich gewesen, der Weg zurück aber wesentlich weiter. Und nicht nur das: auch das mitgeführte Gepäck war mittlerweile auf recht unhandliche Dimensionen angewachsen. Begonnen hatte ich mit einem kleinen Rucksack, schon nach ein paar Semestern war daraus ein großer Koffer geworden, gefüllt mit Gelerntem und sonstigen Erfahrungen.

Eine psychologische Studie hat vor einigen Jahren gezeigt, dass der Mensch dazu tendiert, auch in offensichtlich aussichtslosen Situationen weiter auf das falsche Pferd zu setzen. Wurde erst einmal ein gewisses Minimum an Einsatz gebracht, scheint es uns offenbar unvernünftig, ohne nennenswerten Ertrag abzubrechen oder auch nur das Pferd zu wechseln. Ein Prinzip, dass übrigens auch wesentlich zum Erfolg von Glücksspielen beiträgt: wenn sich 50 Jahre Lotto als offensichtliches Verlustgeschäft herausstellen wird Otto Meier gerne noch ein 51. Jahr auf seine Zahlen setzen. Schließlich hat er nun schon so viel investiert, dass es in seinen Augen eine Schande wäre, nun einfach aufzugeben.

Ich glaube, das lässt sich in gewisser Weise durchaus auf das Leben übertragen.
Man muss nicht umkehren wollen, aber die Möglichkeit, es ohne große Verluste tun zu können, kann eine Sache ungeheuer leicht machen. Wobei der Zauber dieses Zustandes sich nicht zuletzt eben gerade dadurch erklärt, dass er so flüchtig ist.

Das Studium in Düsseldorf habe ich übrigens erfolgreich abgeschlossen und bis heute nicht bereut. Trotzdem denke ich hier und bei vielen anderen Dingen manchmal leicht melancholisch an die Leichtigkeit des Anfangs zurück.

In diesem Sinne, frohes Beginnen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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  1. Ja, wenn man am Anfang ist, hat man noch so viele Möglichkeiten, man ist noch nicht so festgelegt, man kann ohne große Scherben alles hinschmeißen und wieder von vorn beginnen… ich sage nur „Unendliche Möglichkeiten“ 😉

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