Gedankenwelten Zeitreisen

Sonntagsfahrer

In Berlin habe ich nur zwei Mal ein Auto gebraucht: Beim Einzug und beim Auszug. Beide Male war es ein gemieteter Möbelwagen. Ansonsten kommt man in der Hauptstadt sehr gut ohne eigenen Wagen aus – zumindest wenn man keine Schränke transportieren möchte. Bahnen und Busse fahren rund um die Uhr, und auch wenn da mal was dazwischen kommt (Streik, Unfall, Bauarbeiten), findet man normalerweise schnell zwei oder drei Leute, mit denen man sich ein Taxi teilen kann.

Mein erstes eigenes Auto habe ich mir daher erst nach dem zweiten Möbelwagen angeschafft, als ich aus Berlin weg und nach Baden-Württemberg gezogen bin. Zweieinhalb Jahre und 40.000 Kilometer ist das jetzt her.

Viele von diesen Kilometern bin ich sonntags gefahren. Mal war es der Weg zu einer neuen Wohnung, von der aus ich am nächsten Tag in eine neue Redaktion fahren würde. Dann wieder der Weg zu einem mehrtägigen Seminar, einem Kurzurlaub oder einfach nur (wie gestern) nach Hause nach einer Überraschungsparty von und bei früheren Kollegen.

Sonntags auf der Autobahn ist ein ganz eigenes Gefühl. Das bilde ich mir zumindest ein. Nirgendwo sonst (außer vielleicht beim Joggen, aber das ist was anderes) höre ich zum Beispiel so intensiv Radio. Viele Lieder klingen anders, wenn man sie im Auto hört – und das liegt nicht nur an der nahezu antiquarischen Musikanlage, die wie mein Auto stolze zwölfeinhalb Jahre auf dem Buckel hat. (Ich habe sogar noch ein Kassettendeck!)

Als beruhigend empfinde ich auch die Nachrichten, die zwar im Halbstundentakt kommen, sich aber trotzdem nur sehr langsam selbst erneuern. Man hat so das Gefühl, die Entwicklung der Welt da draußen Stück für Stück folgen zu können anstatt von ihr überrollt zu werden. Hinzu kommt das monotone Brummen des Motors. Ist man nicht zu spät unterwegs (oder sehr spät), die Autobahnen sind noch frei und man kann mit einer gleichbleibenden Reisegeschwindigkeit dahinrollen, hat dieses Geräusch fast meditative Wirkung.

Zugleich aber kann schon ein simples Hinweisschild auf ein Autobahnkreuz so viele Emotionen heraufbeschwören, wie sonst nur ein ganzes Fotoalbum. Da ich einen großen Teil der 40.000 Kilometer in Baden-Württemberg gefahren bin und davon wieder mehr als die Hälfte auf der A81, A8 und A5, verbinde ich mit den meisten Autobahnabschnitten im Ländle inzwischen gleich mehrere Erinnerungen – und alle paar Sonntage kommen neue dazu.

In diesem Sinne, gute Fahrt!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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