Zeitreisen

Sonntag kaputt oder: Wie war das noch mit der Bundeswehr? Ein Erinnerungspost

Nicht aussteigen zu dürfen, wo andere Urlaub machen. Daran musste ich beim Blick auf den Kalender gerade denken. Heute vor 23 Jahren war mein erster Tag bei der Bundeswehr. Weil der 1. Juli damals auf einen Donnerstag fiel, hatte die Luftwaffe mir und den anderen Rekruten netterweise vier Tage geschenkt. Start der Grundausbildung war erst am 5. Juli – einem Montag.

Ich war zwar letztlich freiwillig, aber trotzdem nicht gerne bei der Bundeswehr. Warum ich diese Erfahrung trotzdem auf keinen Fall missen möchte, habe ich hier bereits aufgeschrieben. Kurz: Es war nicht die schlechteste Methode, den Horizont eines frischgebackenen Abiturienten zu erweitern. Nebenbei bin ich dank meines eher speziellen Jobs dort auch ganz gut rumgekommen, Kriegsgebiet inklusive.

Vorher galt es allerdings die Grundausbildung zu absolvieren. Damals dauerte die noch zwei Monate und fand in speziellen Ausbildungseinheiten der Luftwaffe statt, von denen es in Deutschland keine Hand voll gab. Meine befand sich in Germersheim, eine gefühlte Weltreise von meinem damaligen Wohnort Wuppertal entfernt. (Heute sehe ich das mit der Weltreise anders, aber damals hatte ich ja auch noch keine Weltreise gemacht).

Fand die erste Anreise noch gemütlich an einem Montagvormittag statt, galt es fortan, sonntagabends bis zum Zapfenstreich um 22 Uhr in der Kaserne zu sein. Wehe dem, der dann noch unentschuldigt fehlte! Abfahrt also spätestens Sonntagnachmittag. Hieß praktisch: der Sonntag war im Eimer.

Das fing schon mit dem Ausschlafen an. Das ging ja nur am Wochenende. Aber: Je länger man schlief, desto weniger kasernenfreier Sonntag blieb nach dem Aufstehen noch übrig. Also ausschlafen oder lieber früher aufstehen und noch etwas vom Tag haben? Keine leichte Entscheidung. Wobei: den Sonntag zu genießen, fiel zumindest mir schwer. Schnell gewöhnte ich mir an, sonntags mindestens drei Mal so oft auf die Uhr zu gucken wie sonst.

Nicht aussteigen zu dürfen, wo andere Urlaub machen. Oder besser: Urlaub anfangen. Um 16:18 Uhr fuhr mein Zug vom Wuppertaler Hauptbahnhof in Richtung Mannheim ab. An diese Zeit erinnere ich mich bis heute. Die ICE-Strecke war damals noch im Bau. Statt mit 300 Stundenkilometern zockelte mein IC gemächlich am Rhein entlang. Landschaftlich wunderschön. Vermutlich hätte ich es genossen, wenn die Fahrt nicht das vorzeitige Ende meines Wochenendes besiegelt hätte. Außerdem erinnere ich mich nur an wenige Fahrten, auf denen ich auf einem Sitzplatz gesessen habe. Meist saß ich mit meiner Reisetasche auf dem Boden zwischen zwei Waggons.

Es waren ja die Hauptferienmonate, Juli und August, und mein Zug hielt unter anderem am Frankfurter Flughafen. Was habe ich alle die koffertragenden Menschen beneidet, für mit dem Aussteigen hier die eigentliche Reise erst begann!

Ich selbst hatte zu diesem Zeitpunkt erst zwei echte Flugreisen gemacht. Kleine nur, innerhalb Europas. Sie hatten mir allerdings gut gefallen. Mehr noch: sie hatten mir das Gefühl von Freiheit vermittelt. Nachdem Urlaub bis dato immer mit Autofahren verbunden gewesen war, der Radius des Erreichbaren dementsprechend begrenzt gewesen war, schien mir plötzlich die Welt offen zu stehen.

Bis jetzt jedenfalls. Denn jetzt musste ich ja in die Kaserne. Offen war die Welt nur noch für alle anderen, die mit mir im Zug saßen und die nun am Flughafen ausstiegen. Ich dagegen würde später am Abend und nach einmal Umsteigen in Mannheim in einen Bundeswehrbus steigen, der mich in die Kaserne und zu meiner Sechs-Mann-Stube bringen würde.

In diesem Sinne, lang ists her …

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, Indiana Jones, Papa von zwei Töchtern, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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