Zeitreisen

Ich mochte die Bundeswehr nicht. Trotzdem war ich gerne da

Ich musste geschlafen haben, denn das Schreien kam für mich völlig überraschend. Was denn dieser volle Mülleimer hier sollte! Wo wir denn hier zu sein glaubten! Ob wir wirklich geglaubt hatten, mit so etwas durchzukommen! Ob wir wahnsinnig geworden wären!

Dass ich gemeint war, merkte ich, als das Licht der Taschenlampe genau auf mein Gesicht fiel. “Sie da! Aufstehen! Mülleimer ausleeren! Schnell, schnell, schnell! Schon weg sein, schon wieder hier sein!”

Eilig und nur mit einem Schlafanzug bekleidet griff ich mir den Mülleimer und trabte nach unten in den Hof, um das einzelne Blatt Zeitungspapier, das in dem Mülleimer lag, in den großen Müllcontainer zu befördern. Dass sich die Tür zum Hof nur von innen öffnen ließ, bemerkte ich erst, als ich mit dem nun leeren Mülleimer wieder ins Gebäude und in mein Bett zurückkehren wollte. Raus war kein Problem gewesen, nur rein funktionierte offenbar nicht.

So begann meine erste Nacht in der Kaserne, meine erste Nacht als Soldat: im Schlafanzug auf dem Hof vor dem Gebäude der 9. Kompanie des III. Luftwaffenausbildungsregiments 3 in Germersheim in der Pfalz vor einer verschlossenen Tür.

Schon an diesem ersten Tag hatte ich viel gelernt. Zum Beispiel, dass jede, ja, wirklich jede Wand auf dem Bundeswehrstützpunkt von alleine stehen kann. Diese wichtige Information wurde immer dann wiederholt, wenn sich jemand, müde vom Warten, an eine Wand anzulehnen versuchte. “Weg von der Wand! Die steht auch von allein, Flieger, die brauchen Sie nicht zu stützen!”, wurde dann gebrüllt.

Flieger, das war auch mein neuer Dienstgrad – der niedrigste, den die Luftwaffe zu vergeben hat. Und Warten war meine neue Hauptbeschäftigung, zumindest an diesem ersten Tag. Am frühen Nachmittag hatten wir uns in der Kaserne einzufinden gehabt. Dort hatten wir eine Sechs-Mann-Stube (“Zimmer gibt es nur im Hotel!”) zugewiesen und einen Laufzettel in die Hand gedrückt bekommen. Den galt es nun abzuarbeiten. Und da dies rund 100 neue Rekruten gleichzeitig zu erledigen versuchten und alle den gleichen Laufzettel abarbeiten mussten, dauerte das nun einmal. “Einschleusung” nennt das die Bundeswehr.

1999, das Jahr, in dem ich eingezogen wurde, galt in Deutschland noch die Wehrpflicht. Trotzdem hatte man de facto längst die Wahl: wer nicht ohnehin ausgemustert wurde, konnte “zum Bund” gehen oder relativ unkompliziert verweigern und sich eine Zivildienststelle suchen. Dass ich mich für die Bundeswehr entschied, verwirrte viele meiner damaligen Bekannten. Erst Abitur machen und dann durch den Schlamm robben und sich anschreien lassen? Ernsthaft? Ich dagegen sah es eher praktisch: die Erfahrung wäre sicher interessant – außerdem könnte ich schon bei der Bundeswehr an meiner Karriere als Journalist arbeiten.

Während der Schulzeit hatte ich bereits verschiedene Praktika bei der Zeitung und beim Fernsehen gemacht. Ein Bekannter hatte mir daraufhin den Tipp gegeben, es bei der Luftwaffe zu versuchen. Dort könnten Wehrpflichtige im Pressezentrum als Journalisten eingesetzt werden und für die Zeitschrift “Luftwaffe” arbeiten, eine Art Mitarbeiterzeitung für Soldaten. Also bewarb ich mich und wurde kurz darauf zu einem Vorstellungsgespräch in die Luftwaffenkaserne in Köln-Wahn eingeladen, wo mich ein grimmiger Oberstabsfeldwebel eine halbe Stunde lang interviewte und dann entschied: “Sie nehme ich. Dann muss ich diesen Generalssohn nicht nehmen. Aber sehen Sie zu, dass sie auf jeden Fall zum 1. Juli eingezogen werden, sonst klappt das nicht.”

Es klappte. Vor der Redaktions-Schreibstube stand allerdings die Grundausbildung. Um die kommt kein Soldat herum. Damals dauerte sie zwei Monate und war die wohl intensivste Erfahrung meines bisherigen Lebens. Nicht etwa, weil die Grundausbildung körperlich so fordernd gewesen wäre. Das Sportprogramm hielt sich sogar so sehr in Grenzen, dass ich abends nach Dienstschluss (“Der Soldat hat keinen Feierabend! Feierabend ist was für Zivilisten!”) regelmäßig noch joggen gegangen bin. Auch das mit dem Schießen, für viele das erste Highlight ihrer Bundeswehrzeit, fand ich nicht so aufregend. Vielmehr war es die Erfahrung, plötzlich in eine Befehlskette eingebunden zu sein, aus der man nicht ohne weiteres Ausbrechen konnte.

In den drei Jahren Oberstufe hatte ich mich gerade daran gewöhnt, nun erwachsen zu sein und mir von niemanden mehr etwas sagen lassen zu müssen – so sah ich das jedenfalls in einem Anflug spätpubertärer Weisheit. Ich schrieb meine Entschuldigungen selbst, wählte meine Kurse selbst und wann ich ins Bett ging bestimmte ich natürlich ebenfalls selbst. Jetzt wurde sogar letzteres wieder vorgeschrieben: Zapfenstreich um zweiundzwanzighundert – 22 Uhr. Dann hatten alle in den Betten zu liegen und das Licht gelöscht zu sein. Alle bis auf einen – der hatte dem UvD, dem Unteroffizier vom Dienst, Meldung zu machen. “Herr Unteroffizier, Flieger Meier, melde Stube 313, mit sechs Mann belegt, fünf Mann in den Betten, Stube und Revier gereinigt und gelüftet, bereit zum Zapfenstreich!” Zu dem Teil mit der gereinigten Stube gehörte übrigens auch ein geleerter Mülleimer.

Am Wochenende ging es in der Regel nach Hause, aber wehe dem, der nicht bis spätestens sonntags, 0 Uhr, wieder in der Kaserne war – der wurde dann von den Feldjägern, sozusagen der Polizei der Bundeswehr, abgeholt und nötigenfalls zur Fahndung ausgeschrieben. Auch wenn das für mich nicht in Frage gekommen wäre, einfach abzuhauen, ein komischer Gedanke war es doch, es nicht ohne weiteres zu können. Natürlich hätte ich auch nachträglich verweigern können – ein Kamerad aus meiner Stube tat das sogar und musste dann genau bis zum Ende der Grundausbildung plus eine Woche warten, bis der Antrag bearbeitet wurde.

Meine Mutter fasste es damals, als sie mich beim feierlichen Gelöbnis das erste Mal in Uniform und im Kreise der anderen Soldaten sah, so zusammen: “Das war ein ganz komisches Gefühl, dass da auf einmal jemand ist, der Dir mehr zu sagen hat als ich.”

Tatsächlich waren viele dieser Jemande gerade einmal ein oder zwei Jahre älter als ich und auch nur ein paar Monate länger bei der Bundeswehr. Das war schon ein komisches Gefühl, zumal zumindest einige davon vielleicht nicht unbedingt dümmer, aber auf keinen Fall schlauer waren als ich. Trotzdem tat man gut daran zu tun, was diese Menschen einem sagten. Und wenn sie der Meinung waren, dass man die 200 Meter von der Unterkunft zur Truppenküche (niemals die Truppenküche “Kantine” nennen!) keinesfalls alleine zurücklegen konnte, dann war das eben so. Also wurde gemeinsam marschiert – “Im Gleichschritt, marsch! 80 Zentimeter Abstand zum Vordermann! 79 Zentimeter sind schwul, 81 Zentimeter sind Fahnenflucht!” Kurioserweise haben auch die dümmsten Sprüche bei der Bundeswehr eine unglaubliche Halbwertszeit und werden unablässig von Ausbilder-Generation zu Ausbilder-Generation weitergegeben.

Genauso die Stellen, an denen man auf jeden Fall noch Dreck findet, wenn die Rekruten wieder einmal zu schnell meinen, mit Stuben- und Revierreinigen fertig zu sein. Ich erinnere mich noch gut an das eine Mal, als der Ausbilder beim Subendurchgang plötzlich seinen Gürtel auszog, ihn einen Moment nachdenklich und mit versteinertem Gesichtsausdruck in der Hand wog, um ihn dann in einer langsamen, fließenden Bewegung in den nur ein paar Millimeter hohen Spalt zwischen Spind und Boden zu schieben. “Das nennen Sie sauber?”, war sein Kommentar, während er triumphierend den staubigen Gürtel hoch hielt. Es war das das letzte Mal, dass wir diese Stelle beim Putzen ausgelassen haben – und das letzte Mal, dass er hier nachgesehen hat.

Missen möchte ich diese Erfahrung trotzdem nicht, auch wenn ich sie gerade in den ersten Wochen mehr als einmal verflucht habe. Danach wusste ich persönliche Freiheit wieder ganz neu zu schätzen. Als sehr positiv habe ich außerdem den Zusammenhalt der willkürlich zusammengewürfelten Wehrpflichtigen untereinander in Erinnerung. Man saß ja mit den anderen im selben Boot und das meist 24 Stunden am Tag. Auch einmal ganz allgemein die Institution Armee “von innen” erlebt zu haben hat meinen noch jungen Horizont damals ziemlich erweitert.

Zumal ich später, während meiner Tätigkeit in der Luftwaffen-Redaktion, auch noch in Krisengebiete reisen durfte (das Bild oben ist vor dem Pressezentrum in Prizren im damals noch nicht unabhängigen Kosovo entstanden). Ob ich es noch mal tun würde, wenn ich noch einmal 19 wäre und noch einmal die Wahl hätte? Vermutlich. Allerdings würde ich versuchen, das alles weniger ernst zu nehmen und es mehr als das zu nehmen, was es letztlich für mich war: eine Erfahrung.

Die Sache mit der verschlossenen Kasernentür regelte sich übrigens glücklicherweise von selbst. Noch während ich überlegte, wie ich auf mich aufmerksam machen könnte (und welchen Anschiss ich dafür kassieren würde), wurde die Tür von innen geöffnet. Ein weiterer Wehrpflichtiger stand vor mir. In der Hand: ein Mülleimer mit einem einzelnen Taschentuch darin.

In diesem Sinne, Mülleimer leeren nicht vergessen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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