Papawelten

Sieben Monate Papa oder: Ich bin ein schlimmer Rabenvater!

Ich komme mir vor wie der schlechteste Vater aller Zeiten. Wieso tue ich meiner Tochter das an? Sie weint herzzerreißend. Es ist völlig klar, dass sie nicht möchte. Da hilft kein gutes Zureden, keine Singen, kein Streicheln und erst recht keine Argumente. „Mach doch einfach die Augen zu“, möchte ich ihr zurufen. „Ich sehe doch, wie müde Du bist.“ Doch genau das möchte Töchterchen nicht wahrhaben. Zu viel gibt es für sie noch zu entdecken auf der Welt. Wieso wertvolle Zeit mit Schlafen verschwenden?

Derzeit ist es jeden Abend das gleiche Spiel. Mit der Müdigkeit und spätestens, wenn ich sie in ihr Bettchen lege, kommt das Weinen. Als würde man ihr sonstwas antun. Manchmal dauert es zehn Minuten, an manchen Abenden aber auch eine Stunde oder länger, bis sie schließlich in den Schlaf findet. Mir zerreißt es jedes Mal das Herz. Wenn es nach mir geht, sollte jeder Tag im Leben meiner Tochter ein Fest sein. Sie soll abends mit einem Lächeln einschlafen, nicht weinend.

Immerhin: wenn sie aufwacht, lacht sie. Für mich ist das sowieso der schönste Moment des Tages. Dieses breite Grinsen, wenn sie mich das erste Mal anguckt. Diese Freude, wenn ich die Rollläden hochziehe und es hell wird im Zimmer. Davon könnte sich so mancher Erwachsene, einschließlich mir selbst, eine Scheibe abschneiden. Ich bewundere, mit welcher Begeisterung dieses kleine Mädchen jeden neuen Tag begrüßt. Als wäre das Leben ein einziger Spielplatz. Alles muss sie entdecken, ausprobieren, anfassen und natürlich in den Mund stecken. Negative Gedanken scheint sie, meistens jedenfalls, nicht zu kennen.

Vielleicht ist das die Hauptaufgabe, die wir als Eltern haben: ihr dieses Gefühl so lange und so vollständig wie möglich zu erhalten.

Doch wie macht man das? Lernen Kinder nicht vor allem durch Nachahmen? Dann muss ich dringend an meiner Vorbildfunktion arbeiten.

Seit ich Vater bin, nehme ich mich selbst anders war. Was ich tue oder lasse, muss ich nun nicht mehr nur vor mir selbst verantworten. Das ist neu. Gerade für mich, der immer viel wert auf seine Unabhängigkeit gelegt hat, ist das manchmal gar nicht so einfach. Erst nach und nach wird mir bewusst, auf wie vielen Ebenen ein Kind zu haben die eigene Welt umkrempelt. Es sind eben nicht nur die offensichtlichen Dinge. Kindersachen, die sich Tag für Tag und auf magische Weise neu in der ganzen Wohnung verteilen. Milchfläschchen, die gefühlt immer schmutzig und Windeleimer, die gefühlt immer voll sind. Mit einem Kind bekommt noch so viele weitere Dinge plötzlich eine ganz neue Dimension.

Seit ich Vater bin, entdecke ich an mir selbst viele Eigenschaften und Denkweisen neu, die ich offenbar von dem einen oder von dem anderen Elternteil übernommen oder vererbt bekommen habe. Außerdem erscheinen mir viele Erinnerungen plötzlich in einem ganz neuen Licht. Etwa wie ich mit 18, frisch den Führerschein in der Tasche, glaubte, meiner Mutter das Autofahren erklären zu müssen.

Ich habe mir fest vorgenommen: Wenn meine Tochter in schätzungsweise 17,5 Jahren das gleiche bei mir tut, lächle ich still in mich hinein und erinnere mich daran, wie ich ihr nachts um drei die Windeln gewechselt habe. Wobei: wer weiß, ob so etwas wie ein Autoführerschein in 17,5 Jahren überhaupt noch ein Thema ist. Und wenn, dann lasse ich vielleicht gerne an meiner Fahrweise rummäkeln, wenn meine Tochter mir im Gegenzug erklärt, wie ich die Hologramm-Funktion an meinem neuen iPhone XXS einschalte.

Dass sie das können wird, davon bin ich überzeugt. Schon jetzt hat die Kleine ein erstaunliches Talent für alles, was mit Technik zu tun hat. Als sie kürzlich das erste Mal ein Kinderbuch mit eingebauten Mini-Lautsprecher in der Hand hatte, hatte sie schon den richtigen Knopf gedrückt, bevor ich verstanden hatte, dass das Buch überhaupt Geräusche machen kann. Auch beim Schwimmen paddelt sie mir vermutlich bald davon. So begeistert, wie sie sich auf Mamas oder meinem Arm in die Fluten wirft. Mit einem Auge schielt sie nun schon zum großen Schwimmerbecken hinüber. Es kann nur noch eine Frage von Wochen wenn nicht Tagen sein, bis sie verlangt: „Baba, da!“. Die Kleinen, sie werden ja so schnell groß …

In diesem Sinne, mehr (großes) Baby gefällig? Hier entlang!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.