Papawelten

Acht Monate Papa oder: Links brauch ich jetzt eine Kleidergröße größer

Am Anfang habe ich wirklich gedacht: es wird leichter. Das ist natürlich Quatsch. Wird es nicht. Aber darf man das so schreiben? Muss man als junger Vater nicht eigentlich rund um die Uhr vom Vatersein, von der kleinen Tochter und vom Leben mit Kind schwärmen?

Wenn ich mich heute an die ersten Wochen nach der Geburt erinnere, frage ich mich, was daran eigentlich so schwer gewesen ist. Die Kleine hat doch fast nur geschlafen. Und wenn sie wach war, konnte sie sich nicht drehen, wegrollen oder gar wegkrabbeln. Musste man auf die Toilette, konnte man sie notfalls auch zwei Minuten in ihrem Bettchen parken. Als Unterhaltung reichte es ihr, wenn ich sie regelmäßig durch die Wohnung getragen habe und ihr dabei erklärt habe, was hier so alles an Einrichtungsgegenständen rumsteht. Beim Spazierengehen schlief sie spätestens nach zehn Minuten ein und darüber, ob der Brei in den Mund oder auf den Sessel/auf den Boden/auf den Papa soll, musste ich nicht mit ihr streiten.

Und heute? Statt zu schlafen, macht sie Turnübungen, indem sie sich immer wieder an den Gittern ihres Bettchens hochzieht. Lege ich sie auf den Boden, sehe ich nur noch eine Staubwolke durch die Tür ins nächste Zimmer verschwinden, so schnell krabbelt sie inzwischen durch die Wohnung. Passt ihr etwas nicht, zum Beispiel wenn ich beim Spaziergang nicht sofort auf ihr Handzeichen reagiere und sie aus dem Wagen hebe, quittiert Madame das mit einem wütenden und vor allem lauten „Bap-bap-bap-bap!“ (gemeint bin natürlich ich, Papa, und nicht die Band).

Apropos Hochheben: mein linker Arm ist inzwischen mindestens doppelt so stark wie der rechte. Unsere „Kleine“ hat nämlich die Acht-Kilo-Marke geknackt, was sie aber nicht daran hindert, sich oft und gerne von mir durch die Weltgeschichte tragen zu lassen. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis mein restlicher Körper nachzieht und ich links eine Kleidergröße größer brauche als rechts.

Ja, es ist anstrengend. Für mich als Feierabend- und Wochenendpapa und natürlich erst Recht für meine Frau, deren Mama-Job so etwas wie Feierabend ja eigentlich gar nicht kennt (ich darf ja zwischendurch mal ins Büro). Wann immer man meint, jetzt hat man es raus, macht die Kleine den nächsten Entwicklungsschritt. Und wie in einem Computerspiel ist jedes Level ein bisschen schwieriger als das, dessen Endgegner man gerade bezwungen hat. Daher wohl auch der Gedanke, dass es am Anfang leichter war. Das erste Level von Super-Mario-Land hat man irgendwann ja auch blind spielen können. Nur eben nicht beim ersten Mal.

Trotzdem glaube ich, es gibt nichts Schöneres, als Papa zu sein. Immer wieder bin ich fasziniert von der unbändigen Energie und Neugierde, mit der mein Kind die Welt entdeckt. Manchmal frage ich mich, wieso man sich selbst davon nicht mehr ins Erwachsensein gerettet hat. Es ist toll, zu verfolgen, wie meine Tochter immer mehr ihren eigenen Charakter entwickelt. So viel weiß ich schon: sie wird ganz sicher ein Dickkopf. Hat sie wohl vom Papa. Wenn sie entschieden hat, etwas zu wollen, bringt man sie nicht so leicht davon ab. Manchmal ist sie frustriert. Dann zeigt sie das auch. Aber sie lässt sich davon nie dauerhaft die Laune verderben. Noch so etwas, wovon man sich als Erwachsener eine Scheibe abschneiden sollte.

Manchmal glaube ich, ich kann mindestens so viel von ihr lernen wie sie von mir. Wobei sie definitiv die schnellere Lernerin ist. Das mit dem Krabbeln zum Beispiel ist noch verhältnismäßig neu. Trotzdem hat die Kleine das innerhalb kürzester Zeit perfektioniert und gleich darauf angefangen, sich an allen möglichen Dingen hochzuziehen (einschließlich meiner Hosenbeine). Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis sie die ersten Gehversuche macht.

Nein, Vatersein ist sicher alles andere als leicht. Es gibt Momente, da frage ich mich, ob ich mich auch für ein Kind entschieden hätte, wenn ich eine genauere Vorstellung davon gehabt hätte, wie sehr ein Kind mein Leben umkrempelt. Vermutlich schon. Beschwören würde ich es aber nicht. Trotzdem bin ich unendlich glücklich, dass ich es getan habe. Gleichzeitig höre ich genau jetzt, während ich dies schreibe, diese Stimmen. „Du glaubst ein Kind ist anstrengend? Warte mal, bis das zweite da ist.“ Was soll ich dazu sagen? Sie werden Recht haben. Von Super-Mario-Land gab es ja auch noch ein Folgespiel mit noch schwierigeren Leveln.

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Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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