Bücherwelten

Ein Gentleman aus Moskau und zwei Mal Wolf – Leseliste Teil 4

Woche 36, ich bin bei Buch Nummer 24 – so ganz klappt das gerade nicht mit dem einen Buch pro Woche. Trotzdem waren einige echte Treffer dabei. Hier ein kleines best-of:

Amor Towles, Ein Gentleman in Moskau

Er darf leben – aber er darf das Hotel nicht verlassen, lebenslang. Hausarrest statt Hinrichtung. So lautet der Deal. Offiziell wurde Graf Rostov wegen einem sozialkritischen Gedicht verhaftet, dass er zwar nicht geschrieben hat, das aber nun einmal unter seinem Namen veröffentlicht wurde. In Wahrheit ist der Grund schlicht, weil er adelig ist. Und das passt nun einmal nicht in die noch junge Sowjetunion des Jahres 1922. Seine Bekanntheit aus vor-sowjetischen Zeiten rettet ihn vor der Kugel in den Kopf. Aus seiner geräumigen Suite im Moskauer Hotel Metropol muss Rostov dennoch ausziehen. Er wird in eine Dachkammer verfrachtet, die für die nächsten drei Jahrzehnte sein Zuhause sein wird.

Über eben diesen Zeitraum erstreckt sich Amor Towles Roman „Ein Gentleman in Moskau“. Während vor den Toren des Hotels immer stürmischere Zeiten anbrechen, beschränkt sich nicht nur Rostovs Leben auf den Mikrokosmos des Hotels. Auch der Leser ist zwischen den Traditionsmauern gefangen und kann nur erahnen, was draußen geschieht. Etwa wenn ausgerechnet der unfähige, aber offenbar systemtreue „Läufer“ zum Hoteldirektor berufen wird. Oder wenn aus dem gut sortierten Weinkeller des Hotels plötzlich alle Flaschenetiketten entfernt werden und die Weinauswahl im Hotelrestaurant auf ein einheitssozialistisches „rot“ oder „weiß“ beschränkt wird – gilt die Wahl eines besonders edlen Tropfen offenbar schon als konterrevolutionär.

Graf Rostov nimmt all dies mit einer stoischen Gelassenheit hin. Wohlwissend, dass die Tugenden, an denen er sich in seinem alten Leben gemessen hat, in dem neuen Staat keine Bedeutung mehr haben, hält er diese um so entschiedener hoch. Gleichzeitig bleibt er ein glühender Patriot, immer bereit, sein Land gegenüber den ausländischen Korrespondenten, die hin und wieder in dem Hotel absteigen, mit flammenden Reden zu verteidigen.

Auf den Kopf gestellt wird das Leben des Grafen, als er das Mädchen Nina kennenlernt. Zu jung, um das alte Russland erlebt zu haben, führt sie Rostov vor Augen, wie sich die Welt verändert hat. Gleichzeitig wird sie später, als Erwachsene, um so härter mit der sowjetischen Wirklichkeit konfrontiert. Um ihren deportierten Mann zu suchen, lässt sie ihre fünfjährige Tochter Sofia bei Rostov zurück, der für das Mädchen fortan zum Ersatzvater wird und so vor einer ganz neuen Herausforderung steht.

Mit „Ein Gentleman in Moskau“ ist Towles ein außergewöhnlicher Roman gelungen. Towles erzählt ebenso leicht wie eindringlich. Er macht es dem Leser leicht, in die eng begrenzte Welt des Metropol einzutauchen und sich ganz mit seinem Protagonisten zu identifizieren, dessen Fähigkeit, allen Widrigkeiten zum Trotz stets Gentleman zu bleiben, man mit jeder Seite mehr bewundert. Gleichzeitig öffnet der Autor die Fenster nach draußen genau so weit, dass sowohl Rostov als auch der Leser erahnen können, wie rasant sich die Welt in dem Land vor dem Hotel entwickelt. Towles beschreibt Geschichte indem er eine Geschichte erzählt, die nur sporadisch Berührungspunkte mit derselben hat. Dieser ungewöhnliche Ansatz ist es, der das Buch so lesenswert macht.

Jack London, Der Seewolf

Welchen Wert kann dem Leben eines Menschen zugeschrieben werden, wenn er doch so schnell ersetzt werden kann. Menschen werden im Überfluss geboren. Die Bedeutung, die sie ihrer eigenen Existenz zuschreiben, widerspricht in eklatanter Weise der Logik des Marktes, laut der ein Gut vor allem dann besonders wertvoll ist, wenn es knapp ist. Menschen sind kein knappes Gut.

So argumentiert Wolf Larsen, Kapitän des Robbenschoners „Ghost“. Vor der Küste Kaliforniens hat Larsen den Schiffbrüchigen Humphrey van Weyden aufgenommen. Statt diesen an Land zu bringen, zwingt Larsen ihn, als erst Küchenjunge, später als Steuermann auf der „Ghost“ weiter nach Japan zu schippern, wohlwissend, dass „Hump“, wie er van Weyden fortan nennt, keinerlei seemännische Kenntnisse hat und mit dem monatelangen, harten Leben an Bord heillos überfordert ist.

Larsen terrorisiert van Weyden ebenso wie er die restliche Mannschaft terrorisiert und setzt dabei vor allem auf gnadenlose Härte und seine körperliche Überlegenheit. Dennoch ist Larsen nicht dumm, wie van Weyden in den zahlreichen Diskussionen mit dem Kapitän feststellt. Durchaus belesen hat Larsen über die Jahre eine eigene, stark sozial-darwinistisch geprägte Weltsicht entwickelt. Menschen seien nichts weiter als die Teile eines Gärteiges, erklärt er van Weyden, ansonsten aber ohne Wert. Menschlichkeit, Mitgefühl oder gar der Gedanke einer unsterblichen Seele seien sentimentaler Unsinn, den sich nur jemand wie van Weyden leisten könne, der sein Leben auf die Leistungen und das Geld seines Vaters aufbauen konnte und erst noch lernen muss, auf eigenen Füßen zu stehen.

Die Situation eskaliert schließlich, als die „Ghost“ noch eine weitere Schiffbrüchige aufnimmt: die Autorin Maud Brewster, Als Larsen diese sexuell bedrängt, schreitet van Weyden ein und sticht mit einem Messer auf diesen ein. Er verletzt den Kapitän nur leicht, dennoch gelingt ihm gemeinsam mit der jungen Frau die Flucht in einem Beiboot. Mit diesem stranden sie auf einer einsamen Insel. Ausgerechnet auf dieser landet später auch Larsen an, inzwischen von seiner Mannschaft verlassen und, wohl aufgrund eines Hirntumors, erblindet. Erneut geraten Larsen und van Weyden aneinander, da der ehemalige Kapitän entschieden hat, auf der Insel sterben zu wollen, während van Weyden fest entschlossen ist, die „Ghost“ wieder seetüchtig zu machen, um mit ihr von der Insel zu fliehen.

Obwohl Larsen dieses Vorhaben immer wieder zu sabotieren versucht, schließlich sogar das Schiff in Brand steckt, kann van Weyden sich nicht dazu durchringen, den Kapitän zu töten oder auch nur sich selbst zu überlassen. Als das Schiff schließlich wieder seetüchtig ist, nehmen er und Maud Brewster den inzwischen fast vollständig gelähmten Larsen mit an Bord und pflegen ihn, bis er schließlich während eines Sturmes stirbt. Van Weyden und Brewster dagegen stoßen auf ein amerikanisches Schiff und werden von diesem an Bord genommen und gerettet.

Jack Londons Buch ist bereits 1904 erschienen. London, der als junger Mann selbst an Bord eines Robbenjägers nach Japan fuhr, gab später in einem Brief an, mit dem „Seewolf“ eine Attacke gegen Friedrich Nietzsches Übermensch-Philosophie schreiben zu wollen. Dies habe aber  offenbar niemand verstanden.

Lesenswert ist das Buch, obwohl schon über 100 Jahre alt, aber auch ohne dieses Wissen. London gelingt es, mit Wolf Larsen einen Charakter zu schaffen, der zwar vordergründig abgrundtief böse, aber zugleich so vielschichtig ist, dass man sich als Leser irgendwann weigert, sich mit dieser scheinbar einfachen Einordnung zufrieden zu geben. Auch die Entwicklung des humanistisch geprägten, aber naiven Schöngeist Humphrey van Weyden, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, ist so facettenreich geschildert, dass man gar nicht anders kann, als mitzufiebern. Zu guter letzt ist Londons Buch aus heutiger Sicht ein spannendes Porträt seiner Zeit, bei dem schnell klar wird, warum das Buch schon damals ein Bestseller war.

Harald Jähner, Wolfszeit

Printwerbung wirkt also doch, zumindest in diesem Fall. Auf Jähners Sachbuch bin ich durch eine Anzeige in der Zeit aufmerksam geworden. Erzählt wird darin die deutsche Nachkriegsgeschichte von 1945 bis 1955, wobei der Schwerpunkt eher auf der ersten Hälfte dieses Zeitraumes liegt.

Genau das macht das Buch auch so interessant. Anders als in vielen anderen Abhandlungen geht es in Wolfszeit nämlich weniger um das politische Geschehen rund um die Gründung der Bundesrepublik und die Wirtschaftswunderjahre. Vielmehr zeichnet Jähner das Befindlichkeits-Panorama eines Jahrzehnts, „das entscheidend war für die Deutschen und in vielem ganz anders, als wir oft glauben“.

Eine große Aufgabe, die der Autor mit viel Liebe zum Detail bearbeitet hat. In einem Rundumschlag nimmt sich Jähner all den Themen an, die den direkten Alltag der Menschen in den ersten Jahren nach dem Krieg prägten. Vom Wiederaufbau über die Suche nach neuen Werten bis hin zur Frage, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn es viel weniger Männer als Frauen gibt. Jähner zeigt, wie schwer sich viele Menschen damit taten, 13 Jahre Nazi-Herrschaft abzuschütteln, aber auch mit welchem Hunger nach Leben sie Zerstreuung und Spaß gesucht haben, als gäbe es kein Morgen mehr – was ja jahrelang nicht ganz unwahrscheinlich gewesen war.

Das ganze verpackt der Autor in einer Sprache, die sich weniger wie ein Sachbuch liest als wie ein Roman. Man merkt einfach, dass Jähner von Hause aus Journalist ist. Dennoch spürt man auf jeder Seite die Akribie, mit der der Autor unzählige Quellen gesichtet und ausgewertet hat, bevor er das Ergebnis dann in eine wunderbar flüssige Form gebracht hat. Alles in allem ein Buch, dass ich unbedingt empfehlen würde, wenn man sich auch nur am Rande für die Nachkriegsgeschichte interessiert.

In diesem Sinne, alle bisherigen Bücherposts und Leseempfehlungen gibt es hier!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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