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Sexy Mother

Die Aehnlichkeit war nicht zu uebersehen. Oder anders formuliert: Wenn man die Mutter ansah, wusste man ziemlich genau, wie die Tochter spaeter einmal aussehen wuerde. Die eine war vielleicht 15 oder 16 Jahre alt, die andere etwa Ende 30 oder Anfang 40. Beide hatten dunkle, etwas ueber schulterlange Haare, tiefbraune Augen und ein Lachen in den Mundwinkeln, das selbst dann nicht verschwand, wenn sie gerade nicht lachten.

Sie lachten allerdings viel. Gemeinsam sassen sie auf einem der Sofas in der kleinen Lobby und balancierten ein iPad auf den Knien, das von der Tochter bedient wurde. Mit geuebtem Wischen entlockte die dem Geraet einen Charthit nach dem anderem. Zwischendurch fragte die Tochter die Mutter immer wieder etwas auf Griechisch. Die nannte daraufhin den Namen eines bestimmten Liedes oder Interpreten, der dann wenig spaeter aus kleinen Lautsprechern die Lobby flutete.

Nur einmal folgte auf die griechische Frage eine laengere Diskussion, in deren Verlauf die Mutter aufstand und schliesslich sogar kurz den Raum verliess, waehrend die Tochter leise vor sich hin giggelte. „My mother thinks, she is sexy. Do you think, she is sexy?“, wandte sie sich anschliessend an mich.

Mutter wie Tochter waren Freunde der Hotelbesitzerin und arbeiteten wohl dort nebenbei. Mit beiden hatte ich vorher schon einige Worte gewechselt. Diese Frage allerdings ueberraschte mich. Entsprechend dauerte es einen Moment, bis ich reagieren konnte. Mehr als „Excuse me – what?“, brachte ich allerdings trotzdem nicht heraus. „Do you think, she is sexy?“, wiederholte die Tochter daraufhin und fuhr dann ohne eine Antwort abzuwarten fort: „Because, she thinks that she is.“

Kurz darauf kam die Mutter zurueck in die Lobby und wandte sich an mich: „Do you have children?“, wollte sie wissen. Ich verneinte. „Lucky you“, antwortete sie mit einem Seitenblick und einem Zwinkern in Richtung ihrer Tochter.

In diesem Sinne, sexy ist doch immer relativ, oder?

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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