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Seefrau

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Eine Weile stand sie scheinbar orientierungslos in dem schmalen Gang, der zwischen Kaffeebar und Aufenthaltsräumen zum Bug der Fähre führt. Zwei oder drei Mal hatte sie, schwerfällig schlurfend und von einem Stock gestützt, meinen und weitere Tische, allesamt mit vier Stühlen ausgestattet, umrundet. Dann schlug sie zu.

Nachdem sie sich erst an die Frau im Businesskostüm mir gegenüber, dann an mich gewandt und etwas auf Griechisch gesagt hatte, ließ sie sich auf einen der beiden freien Stühle plumpsen. Dort hatte sie kaum fünf Minuten gesessen, als ein etwa 70-jähriger Mann schimpfend auf sie zu gestiefelt kam, eine Weile vor ihr stehen blieb, wieder verschwand und kurz darauf immer noch schimpfend und mit einer Stewardess im Schlepptau zurück kam.

Nun ging plötzlich alles ganz schnell. Taschen und Füße wurden von mehreren umliegenden Stühlen geräumt und mehrere davon hin und her geschoben, bis endlich ein aus irgendwelchen Gründen passender Stuhl gefunden war. Der wurde der Frau gegenüber gestellt, so dass diese ihre Beine darauf ablegen konnte. Abwechselnd begannen nun die Stewardess und der Mann, immer noch schimpfend, den Stuhl einige Zentimeter nach rechts und wieder zurück nach links zu rücken.

Dann stand die Frau auf. Den Mann im Schlepptau und die Stewardess zockelte sie in Richtung Kaffeebar, ließ diese hinter sich und verschwand. Einzig ein kleiner Reisekoffer blieb zurück. Den holte wenig später der Mann. “Now free again” brummte er laut und deutete dabei vage auf mich, die nicht weniger verwirrten übrigen Passagiere und das halbe Dutzend verrückter Stühle.

In diesem Sinne, bin dann mal auf See.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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