Gedankenwelten

Schlafen-wenn-tot?

2016-09-01-Bett-Tod-Schlaf

Dieser Traum hat mich über Tage verfolgt. Komischerweise nicht, weil ich ihn als so schlimm empfunden habe. Dabei wäre das nur natürlich gewesen. Vielmehr deshalb, weil ich für mich einfach keine Auflösung gefunden habe.

Im Traum hatte ich vor Gericht gestanden. Keine Ahnung, warum eigentlich. Die eigentliche Tat war schon über ein Jahr her gewesen. Seitdem hatte ich wohl so eine Art Hausarrest gehabt, der aber eher locker gehandhabt wurde. An ein Gefängnis kann ich mich jedenfalls nicht erinnern. Dass es irgendwann zum Prozess kommen würde, hatte ich gewusst. Am Ende war ich trotzdem überrascht, weil alles von jetzt auf gleich passierte.

Der Prozess selbst kam in meinem Traum nicht vor, nur das Urteil: Hinrichtung! Zu vollstrecken am nächsten Tag.

Zwei Dinge gingen mir in diesem Augenblick durch den Kopf:

  1. Wie habe ich eigentlich das vergangene Jahr genutzt?
  2. Wie will ich die letzten mir verbleibenden Stunden nutzen?

Die erste Frage war einfach zu beantworten: viel zu wenig! Wenn ein wertvolles Gut – Zeit, Leben – lange unendlich scheint und plötzlich knapp wird, hat man wohl immer das Gefühl, es zuvor verschwendet zu haben. Wie hatte ich nur so dumm sein können? War mir nicht klar gewesen, dass früher oder später alles vorbei sein würde? Warum hatte ich nicht mehr aus der Zeit gemacht?

Überraschend – sogar für mich selbst – waren dagegen die Gedanken, die mir im Traum zur zweiten Frage durch den Kopf gingen: Ich begann zu überlegen, ob ich meine letzte Nacht auf Erden wachend oder schlafend verbringen wollte.

“Wach!”, rief ein erster Reflex in mir. “Schlafen kannst Du, wenn Du tot bist” – diesen oder einen ähnlichen Satz hat vermutlich jeder schon einmal gehört. Auf den ersten Blick scheint es ja auch naheliegend, den Tod eher mit einem ohnmächtigen Zustand wie dem Schlaf gleichzusetzen. Aber eben nur auf den ersten Blick.

Niemand weiß, was (und ob etwas) nach dem Tod kommt. Ist die eigene Zeit plötzlich messbar begrenzt, scheint Wachsein die einzig denkbare Variante. Dabei sind Wachen und Schlafen doch eigentlich zwei recht gleichwertige Bedürfnisse.

Aber nein, Wachheit gewinnt – die Zeit nutzen, usw. Dabei könnte es doch auch schön sein, sich endlich einmal wieder so richtig auszuschlafen. Ist das nicht ein mindestens ebenso normales Bedürfnis wie Essen und Trinken? Ein Todeskandidat, in den USA etwa, bekommt normalerweise eine Henkersmahlzeit. Er darf sich aussuchen, was er vor seinem erzwungenen Ableben zu sich nehmen möchte.

Ob er vielleicht etwas ganz anderes ein letztes Mal tun möchte als Nahrung zu sich zu nehmen, steht gar nicht zur Debatte. Dabei könnte es doch gerade im Angesicht des Todes eine schöne Abwechslung sein, sich träumend noch ein letztes Mal in eine bessere Welt zu flüchten. Auch wenn die freilich den Nachteil hat, dass man sie weniger kontrollieren kann und auch weniger bewusst wahrnimmt.

Verschlafene Zeit erscheint eben schnell auch als verlorene Zeit, weil sie unbewusst verstreicht. Das Gefühl für Raum und Zeit verschwimmt. Mancher Traum fühlt sich endlos an, obwohl er nur Minuten dauert – ich spare mir an dieser Stelle jeden Inception-Verweis.

Wie gesagt, so richtig konnte ich das unfreiwillige Traum(Gedanken-)Experiment für mich noch nicht lösen. Trotzdem finde ich die Frage spannend: Die letzte Nacht auf Erden: wach oder schlafend?

In diesem Sinne, schlaft gut – oder eben nicht …

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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