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Profistalker

Ich habe meine Ex-Freundin getroffen. Fast zehn Jahre haben wir uns nicht gesehen, plötzlich stand sie vor mir. Gut sah sie aus und sehr glücklich mit ihrem neuen Freund. Sie hat mir Bilder von ihrem letzten gemeinsamen Urlaub gezeigt und von der neuen Wohnung, in der die beiden jetzt wohnen. Alles was ich dafür tun musste, war ihren Namen in ein kleines, blassrosanes Suchfeld einzutragen. Ich glaube, sie hat nicht einmal etwas davon mitbekommen.

Rund 180 Millionen „Visits“ verzeichnete StudiVZ im letzten Monat. Das sind ziemlich genau doppelt so viele Aufrufe, wie Spiegel Online in diesem Zeitraum hatte. Ich bin nicht unschuldig daran: regelmäßig und manchmal mehrmals am Tag besuche ich StudiVZ und Facebook. Immer wieder verbringe ich gefühlte endlos Zeit damit, mich durch die Profile und die Fotoalben von Freunden, Freundes-Freunden oder auch von völlig Fremden zu klicken. Oder eben auf die Seite meiner Ex-Freundin.

„StudiVZ hat mich zum Profi-Stalker gemacht“, bekannten kürzlich unabhängig voneinander gleich zwei Freunde von mir. Ich kann das verstehen. Die Verlockung, einfach nach dem Schwarm aus der Unterstufe oder auch nach dem seit Jahrzehnten verschollenen Sandkastenfreund zu suchen, ist groß. Noch größer ist natürlich die Versuchung, sich einfach mal unkompliziert in das Leben der oder des Ex hinein zu klicken. Nicht mal zwangsweise heimlich, übrigens. Gerade wenn die Beziehung schon länger her ist, scheint es mittlerweile usus, sich zumindest mal kurz zu melden und zu fragen, wie es so geht oder sich sogar zu verabreden.

Manchmal frage ich mich allerdings, ob das wirklich immer gut ist. Hätte man früher manche Leute einfach aus den Augen verloren und sie in Erinnerung behalten, wie man sie damals gesehen hat, bekommt man heute das „was-wäre-wenn“ quasi frei Haus geliefert. Früher wären diese Leute einfach verschollen gewesen, heute wohnen sie dank StudiVZ und Co direkt vor der eigenen digitalen Haustür.

Ich glaube, dass manche Menschen – Freunde wie Liebschaften – nur zu einer bestimmten Zeit und während einer bestimmten Lebensphase zu einem passen, danach sollte man sie ziehen lassen.

Ärgerlich nur, dass man vorher nie weiß, welche Menschen das sind. Aber das kann man sicher via StudiVZ und Co rausfinden …

In diesem Sinne, viel Spaß beim Suchen!

PS: Übrigens – für alle Stalker und Gestalkten – nicht mal vermeintlich vor Unbefugten geschütze Fotoalben sind wirklich immer unsichtbar. Ist in den Alben eine andere Person öffentlich sichtbar verlinkt, kann man sich so, über diese andere Person, trotzdem in das angeblich nicht öffentlich sichtbare Fotoalbum rein- und durchklicken.

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

1 Kommentar Neues Kommentar hinzufügen

  1. Mit der entsprechenden Ausdauer, ein paar guten Suchmaschinen und etwas Zeit lässt sich doch mittlerweile so gut wie alles über eine Person im Netz herausbekommen, immer vorausgesetzt, die- oder derjenige hat dort irgendwelche digitalen Fingerprints hinterlassen…

    Oder wie Du so schön in „Fight Club“ einleitest: „Ich hab Dich gestern gegoogelt…“

    – Aus Glas zu sein stört erst, wenn jemand beginnt, mit Steinen zu schmeissen –

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