Gedankenwelten

Mülleimerstellplatz

Ich finde meinen Mülleimer nicht mehr. Dabei weiß ich natürlich, wo er steht. Jeder, der derzeit meine Wohnküche betritt, weiß sofort, wo mein Mülleimer steht. Man stolpert nämlich fast über ihn. Er steht links neben der Tür, zwischen einer Tüte mit haltbaren Lebensmittel und einer weiteren Tüte mir diversen Streichutensilien. Allerdings steht er hier noch nicht lange. Genau das ist das Problem.

Vor einigen Jahren habe ich einmal geschrieben, dass man in einer neuen Wohnung erst dann zuhause ist, wenn man die Toilette nachts auch im Dunkeln findet. Vielleicht gilt das sogar noch mehr für den Mülleimer. Er ist weniger essentiell. Es ist auch weniger unangenehm, wenn man sich aus purer Gewohnheit vertut und zum Beispiel einen leeren Jogurtbecher in den Schrank unter der Spüle wirft, obwohl der Mülleimer dort gar nicht mehr steht.

Ich weiß, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Wäre er das nicht, wäre er vermutlich permanent überfordert mit einer Welt, die einfach viel zu komplex ist, um sie jeden Tag gänzlich neu zu entdecken. Darum tut es gut, wenn der Mülleimer steht, wo er immer gestanden hat. Wobei ich einmal irgendwo gelesen habe, dass es ein sinnvolles Kopf-Training sei, unter anderem die Position des Büro-Papierkorbsregelmäßig zu verändern. Das fördere die Flexibilität und so. Aber das ist eine andere Geschichte.

Meine Flexibilität in Puncto Mülleimerstellplatz ist demnächst besonders gefragt. Da ziehe ich nämlich um. Sechseinhalb Jahre habe ich in meiner derzeitigen Wohnung gewohnt. Genau so lange stand der Mülleimer in dem Schrank unter der Spüle. Wo der Mülleimer in der neuen Wohnung stehen wird, weiß ich noch nicht.

Ziemlich sicher bin ich allerdings, dass meine Nachmieterin ihren Mülleimer in meiner – bzw. dann: in ihrer Wohnung – wie ich in dem Schrank unter der Spüle deponieren wird. Es ist einfach der einzig sinnvolle Ort dafür. Und ziemlich sicher wird sie noch weitere Dinge von mir übernehmen. Den Weg zum Briefkasten zum Beispiel, oder den von der Küche zum Balkon. Wahrscheinlich auch den Weg von der Wohnung zum nächsten Supermarkt.

Wenn man in eine neue Wohnung zieht, beginnt man automatisch damit, neue Pfade einzutreten. Angefangen vom Weg zur Toilette bis hin zum Weg zur Arbeit oder in die (neue?) Stammkneipe. Dass diese Pfade früher einmal regelmäßig von jemand anderem gegangen wurden, kommt einem meist nicht in den Sinn. Außer mir natürlich. Aber ich denke ja auch gerne über die komischsten Dinge nach.

In diesem Sinne, ich mache mich mal auf den Weg zur nächsten Umzugskiste …

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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