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Meine Stadt?

Ich war heute beim Friseur. Eigentlich keine große Sache, ich bin da recht unkompliziert („etwas kürzer bitte“). Genau so wie der Friseursalon, in den ich normalerweise gehe: eine umgebaute Erdgeschosswohnung mit hohen Decken, Stuck und lauter, englischer Musik. Statt mit Termin kommt man einfach, wann einem danach ist, fläzt sich auf eines der beiden Sofas und wartet, bis man dran kommt. Trotzdem habe ich heute kurz gestutzt: „Ich habe Dich heute morgen in der Bahn gesehen“, bemerkte eine der Friseurinnen, während sie mir die Haare wusch, „in der U2, Du sahst müde aus.“

Das kann gut sein, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit habe ich heute nach der Nachtschicht noch mit einer Kollegin im Hostel gefrühstückt. Als ich gegen halb zehn nach Hause gefahren bin, sah ich sicher nicht mehr all zu fit aus. Doch das ist nicht der Punkt: was bedeutet es, wenn man in einem Laden, in den man alle zwei Monate geht, wieder erkannt wird? Und das in Berlin, einer Großstadt, und die sind schließlich für Ihre Anonymität bekannt.

Ich wohne nun seit beinahe zwei Jahren hier. Vom Sehen kenne ich die Kassierinnen in „meinem“ Lidl und die Verkäuferin in der Bäckerin um die Ecke hat sich mein Gesicht zumindest so weit eingeprägt, dass sie manchmal einen kurzen Plausch mit mir wagt. Auf dem Sportplatz beim Joggen erspähe ich immer wieder bekannte Gesichter, die sich für mich als Wiederholungstäter angenehm von all den einmal und nie wieder Gut-Wetter-Läufern abheben. In einigen Ladenlokalen in der Umgebung eröffnen nun schon zum dritten Mal neue Geschäfte und selbst im Innenhof meines Hauses erlebe ich nach dem tragischen Umfalltod des alten Baumes nun das Heranwachsen eines Neuen. Kurz: Berlin hat für mich mittlerweile eine Vergangenheit, die sich immer mehr mit meiner eigenen Vergangenheit verknüpft.

Doch wann wird eine Stadt wirklich zur eigenen Stadt?
Ich erinnere mich, als ich während meiner Südamerika-Tour zum zweiten Mal nach Buenos Aires gekommen bin. Es war eigentlich nur ein kurzer Zwischenstopp, um dann weiter nach Santiago de Chile zu fahren. Auch vorher war ich nur mal eine Woche dort gewesen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, als würde ich nach Hause kommen. Vielleicht, weil ich zu der Zeit mit einer argentinisch-stämmigen Australierin gereist bin und schwer verliebt war, möglicherweise auch einfach nur, weil ich meine Reise in Buenos Aires gestartet hatte und entsprechend positive Erinnerungen an den Ort hatte. Ich kannte allerdings sicher keine Bäckereifachverkäuferinnen dort und gejoggt bin ich in Buenos Aires auch nie, trotzdem war das in diesem Moment einfach „meine Stadt“.

In diesem Sinne, frohes Städte finden!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Hallo Felix!

    Mir ging es so mit Bangkok.
    Wir sind während unserer Thailandradreise mehrmals nach Bangkok „zurückgekehrt“ und irgendwie war das für uns auch ein „Nach-Hause-Kommen“.

    Vielleicht liegt es daran, weil wir uns mittlerweile auskannten, Gewohnheiten entwickelt haben und uns vieles bereits vertraut war in dieser Stadt, was wir beim Herumreisen im Land nicht erlebt hatten, denn da waren wir ja fast jeden Tag woanders…

    lg
    steffi

  2. Hi Steffi,

    da sprichst Du wohl fast jedem Thailand- und / oder Südostasien-Reisendem aus der Seele … und hast direkt mal mein Fernweh geweckt (es hat nicht so fest geschlafen, kein Problem also).

    Bangkok … Ich glaube, es war Alex Garland, der die Stadt in „The Beach“ als Dekompressionskammer zwischen West und Ost bezeichnet hat – und wie recht er hat. Westlich anmutende Restaurants und Burger Buden neben Garküchen am Straßenrand, seit Monaten reisende Traveller zusammen mit offensichtlichen Backpacker-Neulingen und alles umhüllt von einer Dunstglocke aus Abgasen, Räucherstäbchen und Essensgeruch. Herrlich, zumindest immer mal wieder für ein paar Tage. Allerdings wieder ein anderes nach-Hause-kommen als ich es in BsAs empfunden habe.
    Trotzdem habe ich sogar in Berlin manchmal noch ganz unvermittelt diesen Bangkok-Geruch in der Nase. Eine Weile habe ich ja gedacht, ich bilde mir das ein, mittlerweile glaube ich es sind einfach neue Kleider, die in der Sonne hängen, die dann die Luft zumindest ein wenig wie in den Seitengassen der Thannon Khao San riechen lassen. Trotzdem habe ich auch dann manchmal ein Gefühl, als wäre ich einem alten Bekannten begegnet. Komisch, eigentlich.

    Sonnigen Gruß!

    Felix

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