Gedankenwelten

Logische Inkonsequenz

Es ist sowieso immer ganz anders. Egal wie viel Sinn die Erklärung in meinem Kopf gerade noch gemacht hat, die Realität macht mir sowieso wieder einen Strich durch die Rechnung. Ich weiß das, trotzdem tappe ich immer wieder in die selbe Falle. Und nicht nur ich – Ihr auch!

Wir Menschen neigen dazu, das Verhalten unserer Artgenossen zu analysieren. Wir wollen verstehen, warum sich jemand genau so verhält, wie er es eben tut. Insbesondere natürlich, wenn das Verhalten uns selber betrifft. Immer wieder stellen wir fest, welch blödsinniges Unterfangen das ist. Doch aufhören fällt offenbar schwer.

Die Geschichte beginnt mit einem Anruf. Einem Anruf, der nicht kam. Dabei hatte alles so gut angefangen. Wir waren uns von Anfang an sympathisch gewesen. Auf erste, unverfängliche Gespräche folgte schnell die ersten vorsichtigen Annäherungsversuche. Zufällige Berührungen, die in Wirklichkeit natürlich keineswegs zufällig waren, kleine Aufmerksamkeits-Botschaften via SMS. Irgendwann Telefonate, die viel länger dauerten als eigentlich nötig gewesen wäre. Zwei, drei Wochen ging das so. Dann, plötzlich: Funkstille.

„Ich ruf Dich an“, hatte es zum letzten Abschied noch geheißen. Doch der Anruf kam, wie schon gesagt, nicht. Weder am ersten, noch am zweiten oder dritten Tag. Auch schien sie plötzlich kein Interesse mehr an einem Anruf von mir zu haben: nicht einmal ihre Mailbox reagierte auf meine Versuche, sie zu erreichen.

Eine ganze Weile habe ich gegrübelt, dann hatte ich meine Geschichte zusammen. Natürlich wusste ich nicht, ob sie stimmte, doch sie ergab einen Sinn. Ein blöder Kommentar von mir an der falschen Stelle, dazu dieser Ex-Freund, von dem sie erzählt hatte. Logisch baute alles aufeinander auf, und plötzlich stand mir glasklar vor den Augen, warum es nach einem so vielversprechenden Start doch nichts mit uns werden würde.

Dass ich trotz dem konsequent schlüssigem Aufbau meiner Erklärung und der in sich wasserdichten Geschichte komplett falsch lag, erfuhr ich wenige Tage später. Von einer mir unbekannten Nummer bekam ich eine SMS. Ihr altes Handy samt aller Nummern – auch meiner – sei einem Wasserschaden zum Opfer gefallen. Über den Freund eines Freundes habe sie sich meine Kontaktdaten besorgt.

Ich fand das schön. Zugleich ist es aber frustrierend, denn immer wieder mache ich die Erfahrung, dass meine mit viel Mühe konstruierten Gedankenspiele so gut wie nie funktionieren. Versuche ich das Verhalten meiner Mitmenschen zu begreifen, stelle ich immer wieder fest, dass es letztlich ganz anders war, als ich es mir überlegt hatte.

Wir unterstellen unseren Mitmenschen gerne eine gewisse Logik. Aber mal ehrlich: folgen wir ihr selber? Wer versucht, mich zu begreifen, der wird wohl ebenfalls regelmäßig enttäuscht. Ein kleiner Trost, immerhin.

In diesem Sinne, frohes Analysieren – und korrigieren!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

3 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Es ist schön, zu wissen, dass auch Männer sich solche Gedanken machen. Und dass sie genauso destruktiv und irreführend sein können, wie die, die Frauen sich in solchen Momenten machen. Ich hoffe, die Geschichte hat ein schönes Ende. Oder besser kein Ende, sie geht weiter, vielversprechend….
    Man analysiert nicht nur, um den anderen zu verstehen. Man analysiert auch, um sich sicher zu sein. Um nicht verletzt zu werden, um nicht wieder etwas falsch zu machen, um dieses Mal alles richtig zu machen. Und das genau ist das Paradoxon…
    😉

  2. Schön, dass Frauen sich freuen, dass auch Männer sich solche Gedanken machen … 😉

    Liebe Grüße und Danke für die guten Wünsche!

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