Gedankenwelten

Körpersprache (Knutschgeräusche_II)

Es sah aus, als würde hier jemand Sitzgarnituren züchten. Im Hauptraum der kleinen Kneipe gab es kaum ein Stück Boden, auf dem nicht eine Couch oder mindestens ein Sessel stand. Dich an dicht und dabei keineswegs immer sinnvoll um Tische drapiert reihten sich die gepolsterten Sitzgelegenheiten aneinander. Da die meisten davon zwar noch nicht besetzt, wohl aber für einen Geburtstag reserviert waren, war es gar nicht so einfach, zum einzigen nicht vorgemerkten Stück Sitzfläche vorzudringen.

Obwohl es noch recht leer war, wir waren nicht die einzigen Gäste in dem von außen unscheinbaren Laden in der Eberswalder Straße unweit der gleichnamigen U-Bahn-Haltestelle. Seitlich neben uns ein junges Paar: Er, lockige, dunkle Haare, blaß und mit Knubbelnase; sie, ebenfalls dunkelhaarig, schmales Gesicht und zugleich auffällig runde Wangen. Beide: eifrig Knutschgeräusche produzierend.

Natürlich möchte man nicht dauernd hin gucken, trotzdem hatten gerade diese Beiden einen ähnlichen Effekt wie ein laufender Fernseher in einem Cafe: für das Auge sind beide magnetisch. Immer wieder schweift der Blick vorbei am Gesprächspartner zur trauten Zweisamkeit daneben. Gerade der Gedanke, dass man es ignorieren möchte, macht dasselbe um so schwieriger. Zumal die Beiden ein – psychologisch gesehen – ausgesprochen interessantes Paar abgaben.

Sie schienen sich noch nicht so lange zu kennen und obwohl sie sich bezüglich der Geräuscherzeugung recht einig schienen waren die Rollen doch recht klar verteilt: der Chef war sie. Fast bewegungslos saß sie neben ihm, während er kontinuierlich ihre Knie tätschelte, an ihrem Nacken rumfuhrwerkte und mit seinen Fingern die Silhouette ihrer Hand nachzeichnete. Sie störte das zwar nicht, ihre Reaktionen waren aber auch nicht unbedingt enthusiastisch-begeistert.

Ich kann mir nicht helfen: wenn sich ein erwachsener Mann in einer Kneipe in einer Embryo-gleichen Körperhaltung an eine Frau kuschelt, dann hat das etwas Frustrierendes. Besonders wenn diese Frau das nach außen hin weder erwidert noch missbilligt, sondern einfach geschehen lässt.

Das Traurige daran, so schoss es mir gleich mehrmals durch den Kopf, während sich die oben beschriebene Szene in den verschiedensten Varianten wieder und wieder in mein Sichtfeld schob, ist doch, dass es so alltäglich ist!
Wieso scheinen die meisten Beziehungen in meinem Umfeld ständig aus einem oben und unten, Bestimmer und Bestimmten zu bestehen?

In diesem Sinne, viel Spaß beim Antworten!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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