Kopfkino

Lest Ihr eigentlich noch oder hört ihr schon? Ich habe gerade mal meine Buchkäufe der vergangenen Monate durchgeklickt und festgestellt: ich kaufe inzwischen mehr Hörbücher als gedruckte Bücher oder eBooks. Der Grund dafür ist einfach: Hörbücher kann ich auch beim Autofahren hören. Oder beim Sport. Oder beim Putzen. Tatsächlich sind das sogar die drei Haupttätigkeiten, bei denen ich Hörbücher höre. Allein bei drei Mal Sport pro Woche kommt da einiges zusammen.

Im Gedächtnis geblieben sind in den vergangenen zwei, drei Monaten vor allem zwei Werke: American War von Omar El Akkad und Die unerwartete Gabe des Joseph Bridgeman. Beide Bücher könnten nicht unterschiedlicher sein. Trotzdem wüsste ich gerade nicht, welches der beiden ich Euch zuerst ans Herz legen soll. Lest einfach beide.

American War

Es herrscht Bürgerkrieg. In Nordamerika kämpfen Nordstaaten gegen Südstaaten. Allerdings schreiben wir nicht das Jahr 1861, sondern 2075. Als die Bundesregierung in den USA als Reaktion auf den Klimawandel fossile Brennstoffe verbietet, rebellieren die Südstaaten. Es kommt zur Abspaltung. Reguläre Armeen kämpfen gegen Rebellen und Selbstmordattentäter. Ein ganzer Bundesstaat wurde zum Quarantänegebiet erklärt, nachdem dort ein biologischer Kampfstoff eingesetzt wurde. Riesige Flüchtlingslager entstehen, betrieben vom Roten Halbmond, in denen die Menschen von Hilfslieferungen unter anderem aus China und aus den Ländern Nordafrikas abhängig sind, die sich nach einem fünften und dieses mal erfolgreichen arabischen Frühling zum „Bouazizireich“ zusammengeschlossen haben.

All das erfährt der Leser erst nach und nach und zum Teil auch nur Bruchstückhaft. Wiedergegeben wird die Geschichte als Rückschau eines anfangs namenloses Geschichtswissenschaftlers. Erzählt wird sie allerdings aus der Perspektive der sechsjährigen Sara T. Chestnut, genannt Sarat, die mit ihrer Familie am Ufer des Mississippimeers in Louisiana lebt. Der steigende Meeresspiegel hat die Küstenlinie zurückweichen lassen. Florida ist vollständig im Meer versunken, Kalifornien teils wüstes Ödland, teils mexikanisches Protektorat. Kurz nachdem Sarats Vater als Kollateralschaden bei einem Selbstmordattentat der Südstaaten ums Leben kommt, flieht das Mädchen zusammen mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrer Schwester vor der nahen Front in das Flüchtlingslager „Patience“, wo sie die nächsten Jahre verbringen wird.

Hier erlebt sie, wie ihre Mutter bei einem Massaker der Nordstaatenarmee ums Leben kommt, und später, wie ihre Schwester bei einem Drohnenangriff stirbt. Sarat überlebt, doch sie möchte nur noch eines: Kämpfen und Töten. Das tut sie und sorgt mit einem geschickten Attentat für einen Wendepunkt des Krieges, der sich allerdings in der Rückschau als Anfang vom Ende der Niederlage der Südstaaten herausstellen wird. Später wird Sarat von den Nordstaaten gefangen genommen und in ein Lager gebracht wird, das wohl nicht nur zufällig an Guantanamo erinnert.

Überhaupt gelingt es dem Autor immer wieder, Parallelen herzustellen, die allerdings nie platt wirken. Vielmehr verlegt er im Grunde genommen einfach nur den Ort heutiger Ereignisse und geht der Frage nach: Was wäre eigentlich, wenn das nicht in Afghanistan oder in Syrien passieren würde, sondern vor unserer eigenen Haustür, hier in Amerika.

So macht er die Radikalisierung Sarats ist für den Leser nicht nur nachvollziehbar, sie scheint der einzig mögliche Weg zu sein. Selbst sagte er  in einem Interview, dass er vom Leser gar nicht erwarten würde, dass er Sarat mag: „Ich möchte keine Sympathie für Sarat, denn das hat sie nicht verdient. Aber der Leser soll sich fragen: Hätte ich unter solchen Umständen anders handeln können?“ Besonders tragisch dabei ist, dass die Strippenzieher im Hintergrund sich dabei ausgerechnet der Eigenschaften bedienen, die Sarat am Anfang im positiven Sinne ausgezeichnet haben, ihre Neugierde und ihren Lebensmut.

Überraschend ist das Ende, auch wenn das am Anfang eigentlich vorweggenommen wird. Trotzdem möchte ich nicht zu viel verraten. Persönlich hat das Buch mich noch mehrere Tage, nachdem ich es durch hatte, festgehalten. Das liegt wohl auch daran, dass es inzwischen noch ein Stück aktueller geworden ist als es zum Zeitpunkt seines Entstehens war.

Ein weiterer Grund ist, dass Omar El Akkad weiß, wovon er schreibt. Der ägyptische Auswanderer hat für eine kanadische Zeitung aus Flüchtlingslagern und Krisengebieten berichtet. In der FAZ wird beschrieben, wie er auf die Idee zu dem Buch gekommen sei: Bei einem CNN-Interview sei einem vermeintlichen Experten die Frage gestellt worden, wieso viele Afghanen die Amerikaner hassen würde. „Der Experte antwortete, dass amerikanische Spezialkräfte bei nächtlichen Razzien Häuser verwüsteten. In der afghanischen Kultur werte man das als Beleidigung. El Akkad hörte zu und fragte sich: In welcher Kultur wäre das denn bitteschön anders?“ Die Idee für American War war geboren.

Omar El Akkad, American War, in Deutschland erschienen bei S. Fischer Verlage, Frankfurt am Main, 2017

Die unerwartete Gabe des Joseph Bridgeman: Ein Zeitreise-Abenteuer.

Mal angenommen, Ihr könntet in die Vergangenheit reisen. Was würdet Ihr tun? Für Joseph Bridgeman liegt die Antwort auf der Hand: seine kleine Schwester Amy retten, die 1992 spurlos verschwand, während er mit ihr einen Jahrmarkt besucht hat. Dummerweise ist das mit den Zeitreisen gar nicht so einfach.

Problem Nummer 1: Je weiter Joseph zurückreist, desto weniger Zeit hat er vor Ort.    Problem Nummer 2: Seine Anziehsachen reisen immer vor ihm zurück.

 

Überhaupt: dass Joseph überhaupt in die Vergangenheit reisen kann, erfährt der Mitt-Dreißiger mit Schlafstörungen eher durch Zufall. Auf Drängen seines Steuerberaters (einer von zwei Menschen, mit denen er so etwas wie eine Freundschaft pflegt) geht Joseph zu Hypnose-Therapeutin Alexia Finch. Kaum hat die es geschafft ihn in einen entspannten Zustand zu versetzen. verschwindet er – von ihr unbemerkt – in die Vergangenheit, bloß um wenig später und ohne seine Klamotten wieder aufzutauchen, denn die sind ja schon vorher ohne ihn zurück in die Zukunft gereist.

Die Geschichte, die sich nun entspinnt, macht einfach Spaß. Etwa wenn Joseph sich kurz nach dem Besuch bei Alexia Finch abends ins Bett legt, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit einschläft und genau einen Tag in die Vergangenheit reist. Selbst bemerkt er diese Reise erst, als er sein Vergangenheits-Ich als vermeintlichen Einbrecher in seiner Wohnung stellen will. Auch schön die Szene, als es ihm tatsächlich gelingt, seine Schwester in der Vergangenheit zu finden. Ihr Verschwinden kann er nicht verhindern, muss aber zurück in der Zukunft feststellen, dass nun ein seltsamer Fremder, der plötzlich auf dem Jahrmarkt auftauchte, für das Verschwinden des kleinen Mädchens verantwortlich gemacht wird – er selbst.

Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten, denn dann macht das Buch keinen Spaß mehr. Ans Herz legen möchte ich Euch Nick Jones Werk allerdings, auch wenn Ihr dafür einen Kindle (oder eine Kindle App) braucht, denn „Die unerwartete Gabe des Joseph Bridgeman: Ein Zeitreise-Abenteuer. (Die Zeitreisen Tagebücher 1″) ist meines Wissens ausschließlich elektronisch erschienen. 

Nick Jones, Die unerwartete Gabe des Joseph Bridgeman: Ein Zeitreise-Abenteuer. (Die Zeitreisen Tagebücher 1).

In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen!

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