Karlsruhe Mitmenschen

Komische Menschen

Wir haben im Biergarten des “Multikulti” am Karlsruher Schlossgarten gesessen. Ich schreibe bewusst wir, damit klar ist: Es gab Zeugen. Hinterher heißt es noch, ich hätte mir das alles nur ausgedacht. Außerdem war ich mir spätestens bei dem Kerl mit der Fahne auch nicht mehr sicher, ob ich nicht vielleicht besser Apfelschorle bestellt hätte.

Zuerst kam allerdings die Frau im cremefarbenen Brautkleid. Im Schlepptau hatte sie einen Mann, der eine große, verspiegelte Sonnenbrille trug und vermutlich ihr Bräutigam war. Außerdem waren noch sieben oder acht weitere gut angezogene Menschen dabei, wahrscheinlich Hochzeitsgäste. Insgesamt eine also eher kleine Hochzeitsgesellschaft. Trotzdem wäre es wohl besser gewesen, wenn das Brautpaar für die Feier einen Raum oder wenigstens einen Tisch reserviert hätte. Das dürfte zumindest die arme Kellnerin gedacht haben, die nun verzweifelt versuchte, in dem eigentlich vollen Biergarten noch einen freien Tisch für Braut, Bräutigam und Gäste zu finden.

Die übrigen Biergarten-Besucher verfolgten das Schauspiel mit unverhohlener Verwunderung – zumindest so lange, bis der Zeitreisende kam. Wobei Zeitreisender vielleicht etwas dick aufgetragen ist. Nur etwa 20 Stunden hatte es der Mann nach dem Spiel Deutschland gegen Griechenland in die Zukunft geschafft. Komplett ausgestattet mit schwarz-rot-goldener Wuschelperücke, EM-Trikot, um die Hüfte geschwungener Fahne und (sieges?)trunkenem Gesichtsausdruck schwankte er an Biergarten- und Hochzeitsgesellschaft vorbei, als wäre das Spiel gerade erst abgepfiffen worden.

Wie froh der Mann sein konnte, seine Deutschlandfahne zu haben, wurde auf den zweiten Blick deutlich. “Hat der keine Hosen an?”, so meine Begleiterin, als er noch ungefähr fünf Meter von uns entfernt war. Bei vier Metern Entfernung musste ich ihr Recht geben: Keine Hose, nur Fahne. Keine Ahnung, ob er das selbst schon gemerkt hatte.

Mir bleibt an dieser Stelle eigentlich nur noch eines zu sagen – und das stammt nicht mal von mir, sondern aus der Leander Haußmann-Verfilmung von “Herr Lehmann”, einem meiner Lieblingsbücher: “Natürlich ist der komisch. Die Welt ist voll mit komischen Leuten.” Wie wahr das ist …

In diesem Sinne – aus Platzgründen leider nicht erwähnt habe ich:

  • die betrunkenen Matrosinnen in Strapsen (Junggesellinnenabschied)
  • den rose Plüschpanda auf dem fliegenden Teppich (wohl wirklich nur in meinem Kopf)
  • den Mann, der hinter mir an der Supermarktkasse seine Frau Zentimeter für Zentimeter auf meinen Rücken zuschob und ihr dabei immer wieder zuflüsterte “ganz ruhig, ganz ruhig” (leider nicht nur in meinem Kopf, sondern wirklich erlebt)

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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