Gedankenwelten

Kindergarten

Manchmal kommt es mir vor, als würde ich nicht in einem Hostel, sondern in einer Kinderkrippe arbeiten. Der Durchschnittsbackpacker ist zwar laut Pass Anfang bis Mitte zwanzig, im wahren Leben aber höchstens halb so alt. Entsprechend sieht er in mir auch nicht den freundlichen Mann hinter dem Rezeptionstresen sondern die Ersatzmutter.

Praktisch äußert sich das vor allem in Kleinigkeiten. Angefangen davon, dass es viele Traveller ganz offensichtlich überfordert, sich zu informieren, von welchem der drei Berliner Flughäfen ihr Weiterflug geht. Wenn ich dann auf die Frage, “how do I get to the airport” mit einer Gegenfrage antworte – which airport? – sind sie verwirrt. Eben so wie es immer noch Leute gibt, meist US-Amerikaner, die ernsthaft von mir wissen wollen, wo denn die Mauer wäre und wie nah man da ran könnte, ohne dass die Grenztruppen das Feuer eröffnen würden.

Eine andere Variante des Kindes im Backpacker tritt dann zu Tage, wenn irgendwas nicht nach Plan funktioniert. Etwa wenn er oder sie sich beim Versuch, den Kronkorken von der Bierflasche abzudrehen in den Finger geschnitten hat. Schon mehr als einmal standen Leute mit Tränen in den Augen vor mir, und zeigten verzweifelten den blutigen Kratzer an der Hand. Meist hilft in dieser Situation zwar ein Pflaster und ein mitleidiger Blick, die Verwirrung aber bleibt: warum zum Teufel reist jemand alleine quer durch Europa, wenn schon eine Schürfwunde am Knie zur Katastrophe mutiert? Wenn schon die Waschmaschine im Keller ein unüberwindbares Problem und Mysterium ist und man ernsthaft den Rezeptionisten bitten muss, ob der nicht für ihn den Nudelsnack zubereiten, sprich: mit heißen Wasser übergießen, könnte.

Ich muss ehrlich sagen, ich weiß es nicht. Schon als ich selber gereist bin hatte ich insbesondere in Ländern wie Australien oder Thailand das Gefühl, als wären viele der anderen Traveller mit den meisten Dingen des täglichen (Traveller-)Lebens hoffnungslos überfordert. Hinter der Rezeption bekomme ich da natürlich die volle Dröhnung.
Andererseits geht natürlich nichts darüber zu sehen, wie der Sprössling nach einer ausführlichen Erklärung und zahlreichen Fehlversuchen dann endlich den ersten, eigenen Nudelsnack zubereitet und stolz präsentiert, sich selber das Pflaster aufklebt und zudem noch weiß, von wo er abfliegt. Da sieht man dann auch gerne darüber hinweg, dass der werte Nachwuchs nicht wirklich zwölf sondern schon 24 Jahre alt ist und dass es sich auch nicht wirklich um das eigene Fleisch und Blut handelt, sondern Dave aus Ohio oder Jodie aus Sydney.

In diesem Sinne, frohes Erwachsen werden!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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