Desillussionierend Reisewelten Tresenweisheiten

Holzwandfotos

2009-05-25-holzwandVielleicht waren es Zwillinge. Ähnlich sahen sie sich jedenfalls. Beide schmächtig gebaut, aber den Oberarmen nach offenbar große Fitness-Studio-Fans. Beide hatten sie kurze, dunkle Haare und trugen die gleichen, hässlichen Pseudo-Armyshorts. Außerdem hatten sie beide ihre Freundinnen dabei. Die sahen sich ebenfalls auffällig ähnlich, aber das nur am Rande.

Ob die vier Touristen waren, weiß ich nicht. Der Brunnen vor dem Bräustüble der Fürstenberg-Brauerei interessierte sie allerdings sehr. Fast 20 Minuten verbrachten sie damit, sich in unterschiedlichen Aufstellungen gegenseitig davor zu fotografieren. Erst jeweils einer der Männer mit zwei Frauen, dann zwei Männer mit einer Frau, es folgten verschiedene ein-Mann-eine-Frau-Kombinationen und am Ende noch die Variante Mann-Mann und Frau-Frau. 

Da ich allein im Biergarten des Bräustübles saß, war der Versuch, selbst eine ähnliche Fotosession zu starten, von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Bei nur einer Person ist die Zahl der Kombinationen nun einmal begrenzt. Dafür hatte ich um so mehr Zeit, mir Gedanken zu machen, was wohl mit den gefühlten hundertzehn Bildern der vier passieren würde. Würden sie später noch mal einen Blick darauf werfen?

Das Brandenburger Tor, der Eiffelturm, das Opernhaus in Sydney – zu praktisch jeder Tages- und Nachtzeit stehen Menschen vor diesen klassischen Fotomotiven, um sich im Sinne eines „Ich war da“ davor ablichten zu lassen. Mich erinnert das immer ein wenig an diese Holzaufsteller, wie es sie in Vergnügungsparks gibt. Darauf ist eine bestimmte Szenerie gemalt. Steckt man nun seinen Kopf durch das dafür vorgesehene Loch, sieht es aus, als wäre man Teil des abgebildeten Bildes.

Zugegeben, blättere ich alte Fotoalben durch, finden sich dort jede Menge Fotos mit mir vor irgendwelchen Sehenswürdigkeiten. Meist überblättere ich diese Aufnahmen allerdings. Sie sagen nichts aus und sind letztlich austauschbar wie besagte Holzwände.

Hängen bleibe ich dagegen bei scheinbar nebenbei gemachten Fotos: Banale Situationen, zufällige Bekanntschaften oder sogar völlig verwackelte Aufnahmen. Sie stehen in der Regel viel mehr für das, was die jeweilige Reise letztlich ausgemacht hat: Nämlich all die ungeplanten Kleinigkeiten am Rande des großen Ganzen.

In diesem Sinne, frohes Fotografieren!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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