Presseschau

ge-BILD-et

Wer mich kennt, wird gleich verwirrt sein. Vermutlich werden auch diejenigen verwirrt sein, die mich nicht kennen, aber bis hierher weitergelesen haben. In diesem Fall dürfte es sich nämlich nicht um klassische Bildzeitungs-Leser handeln – im letzten Satz kam schließlich ein Komma vor.

Bei der Bildzeitung ist das nicht unbedingt selbstverständlich. Je einfacher, desto besser, gilt hier – auch für den den Satzbau. Relativsätze sind verpönt, zu viele Worte in einem Satz sowieso. Ein Bekannter, der mal bei der Bildzeitung gearbeitet hat, hat mir sogar von einem “Substantivverbot” erzählt. Lieber sollte er Verben und schlimme Adjektive verwenden, das wäre dramatischer.

Ich gebe es zu, ich mag die Bildzeitung nicht – aber ich bewundere sie. Als Student habe ich in verschiedenen Jobs Presseschauen zusammenstellen müssen. Konkret heißt das, dass man sich frühmorgens durch einen Berg unterschiedlicher Zeitungen kämpft und alle relevanten Artikel zu einem bestimmten Thema zusammensucht. Die Bildzeitung war bei jeder Presseschau dabei – und sie hatte oft die Nase vorn. Viele Themen fanden zuallererst hier statt und wurden erst am nächsten Tag in den anderen Zeitungen aufgegriffen.

Das mag freilich auch an den durchaus zweifelhaften Recherchemethoden der großen, bunten Zeitung liegen, beeindruckt hat es mich aber doch.

Beeindruckend finde ich zum Beispiel, wie banal manche Themen aufbereitet werden. Eine Zeitung wie die Süddeutsche gönnt sich gerne mal eine komplette Seite 2 für einen Hintergrund. Bei der Bild gibt es das auch, nur steht auf dieser Seite eben viel weniger drauf. Ich stelle mir dann immer vor, wie der zuständige Redakteur den Auftrag bekommen hat: “Meyer, die Gesundheitsreform auf 30 Zeilen und ohne Substantive, los gehts” – oder so ähnlich. Aus journalistischer Sicht eine echte Herausforderung. (Man bedenke: Als Springer die Bild gegründet hat, schwebte ihm eine Zeitung komplett ohne Text und nur mit Bildern vor!)

Trotz oder wegen all dieser Dinge wird die Bildzeitung sicher nie mein bester Freund werden. Um so mehr ärgert es mich, wenn der Vorwurf “Das ist Bild-Niveau” immer wieder als scheinbares Totschlag-Argument herhalten muss, um Artikel zu kritisieren. Es ist einfach undifferenziert und meist falsch.

Bild-Überschriften sind reißerisch – aber nicht jede reißerische Überschrift ist Bild. Außerdem finde ich, dass jemand, der eine Überschrift mit “Das ist Bildzeitung” kritisiert sich vorher zumindest mit der Bildzeitung beschäftigt haben sollte. Wie wollte er oder sie sonst qualifiziert so eine Behauptung in den Raum stellen?

In diesem Sinne, viel Spaß mit den bunten Bildern!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

3 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. also, MEIN journalistisches Vorbild war (und ist immer noch) die gute, alte Abendzeitung aus München – keine ist frischer, keine ist frecher – ohne dabei gegen die Konventionen zu verstoßen – und keine macht mehr Spaß am Frühstückstisch. Wenn ich schon ein sterbendes Medium lese, dann wenigstens eins, bei denen ich spüre, da pumpt ein Redakteur etwas Herzblut rein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.