Gedankenwelten

Frank Lehmann

Als Herr Lehmann sich auf den Weg macht, hat er keinen Plan. “Ich gehe erstmal los, dachte er. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.” So endet Sven Regeners Debut und im Grunde genommen auch das Nachfolgewerk, Neue Vahr Süd, in dem Herr Lehman noch Frank heißt und das zehn Jahre vor dem ersten Buch spielt. Auch hier bricht der Protagonist in eine (für ihn) unbekannte Zukunft aus, ohne wirklich einen Plan zu haben, wie diese aussehen wird.

Ich finde es faszinierend, mit wie wenigen Entscheidungen Herr Lehmann durchs Leben kommt. Im Grunde genommen schiebt er jede Entscheidung so lange von sich weg, bis ihm am Ende (subjektiv) keine andere Wahl mehr bleibt, als alle Zelte abzubrechen und woanders neu zu beginnen.

In Neue Vahr Süd ist es die verpasste Verweigerung, weswegen der gerade ausgelernte Speditionskaufmann sich plötzlich als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr wiederfindet. Er verliebt sich, ohne dass daraus mehr als eine Affäre wird, weil sich die Erwählte für jemand anderen entscheidet, der dem Leser bisher nur als Randfigur bekannt war. Nach einem vorgetäuschten Selbstmordversuch wird Herr Lehmann als untauglich entlassen und macht sich schließlich auf den Weg nach Berlin, ohne genau zu wissen, was er dort eigentlich will.

Herr Lehmann setzt ungefähr neun Jahre später ein. Frank arbeitet hauptberuflich hinter dem Tresen des “Einfall”, einer Kneipe in der Wiener Straße in Kreuzberg. Wieder plätschert sein Leben dahin, ohne dass er groß eine Wahl für oder gegen etwas trifft. Wieder verliebt sich Herr Lehmann, und wieder bleibt es bei einer Affäre. “Die schöne Köchin”, Kathrin, kommt statt dessen mit Kristall-Rainer zusammen, der dem Leser bisher eigentlich nur durch seine Affirmität zu Kristall-Weizen bekannt war. Am 9. November 1989 schließlich beschließt Herr Lehmann erneut zu gehen, ohne genau zu wissen, wohin. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.

Eigentlich komisch, dass er mir trotzdem so sympathisch ist. Normalerweise stört es mich, wenn Menschen so lange zwischen A und B hängen, bis der Zwang zur Entscheidung einfach nicht mehr abzuwenden ist. Ich bin ein Freund des klaren ja oder nein, selbst wenn ich mir wohl eingestehen muss, dieser Maxime nicht immer zu folgen. Aber vielleicht ist ja auch gerade das der Grund, warum ich Regeners Figur trotzdem mag.

In diesem Sinne, erstmal losgehen!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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