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Ersetzbar

Die Wände sind neu gestrichen, alles wirkt aufgeräumter und steriler, als ich es in Erinnerung hatte. Statt Iserlohner Pils gibt es jetzt Bitburger, statt 2,10 zahlt man jetzt 2,40. Ich fühle mich fremd. Früher war ich öfter hier, als das noch meine Stadt und meine Kneipe war. Ich habe mich zu Hause gefühlt, jetzt bin ich nur noch Gast. 

Zugegeben, manchmal bin ich erstaunt, wenn ich feststelle, dass die Welt sich auch ohne mich weiterdreht (auch wenn ich das natürlich insgeheim schon immer geahnt habe). Es verwirrt mich, wenn Wege und Orte, die ich jahrelang für mich reklamiert habe, neue Eigner gefunden haben, und wenn mein Stammplatz, den auch ich schon von irgendwem übernommen haben muss, wiederum einen neuen Halter sein eigen nennt. 

„Du bist ersetzbar!“, scheint die traurige Botschaft dieser Erkenntnis zu sein, daran muss ich mich erstmal gewöhnen – zumal sie nicht nur für Barhocker in einer Kneipe, sondern für praktisch alles gilt.

Andererseits wohnt dem Gedanken natürlich auch etwas Tröstliches inne. Wer sich erstmal über die eigenen Ersetzbarkeit klar geworden ist, dem fällt es leichter, sich selber auch nicht mehr ganz so wichtig zu nehmen. Ersetzbar zu sein, das heißt letztlich eben auch, jederzeit gehen zu können – oder anders formuliert: frei zu sein.

In diesem Sinne, frohes Ein-, Um- und Auswechseln!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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