Gedankenwelten

Englischer Mythos

„Die Menschen hier glauben deshalb gern, der Prenzlauer Berg sei die fruchtbarste Region des Landes“, schreibt das Zeit-Magazin. Die höchste Geburtenrate nicht nur Deutschlands, sondern sogar Europas will eine große deutsche Wirtschaftszeitung in dem Berliner Bezirk ausgemacht haben. Wer am Nachmittag die Gegend um den Helmholtz- oder Kollwitzplatz besucht, der wird dies gerne glauben. Dicht an dicht und vor allem stolz schieben dann junge Mütter und Väter ihre gut gefüllten Kinderwägen durch die Straßen des Viertels oder beobachten die lieben Kleinen beim Spiel im Park.

Dabei bleibt es aber nicht. Wer eine Weile zusieht oder im falschen Moment einen Schuh zubinden und in Folge dessen stehen bleiben muss, der wird nicht selten Zeuge eines weiteren Phänomens dieses seltsamen Bezirks: zweisprachiger Erziehung.

„No, we will not buy sweets, we will have cake at grandma’s later“ erklärte etwa kürzlich eine Endzwanzigerin geduldig ihrer Tochter, die ich beim Einkaufen traf, während die Drei- oder Vierjährige beharrlich nach Schokolade oder zumindest Hustenbonbons verlangte. An einem anderen Tag konnte ich einen jungen Vater beobachten, der seinen renitenten Sohn mit energischer Stimme aufforderte, aufzuhören alles into the mouth zu putten, während dieser sichtlich begeistert Steine vom Gehweg auflas und in den Mund steckte.

Seine Kinder von Anfang an nicht nur an die deutsche, sondern noch an eine weitere Sprache zu gewöhnen mag durchaus Sinn machen. Lernt ein Kind eine Sprache sehr früh, setzt sie sich im Gehirn anders fest. Anstatt bewusst eine Fremdsprache zu sprechen, sind so auch später beim Englisch sprechen die selben Hirnregionen aktiv wie bei der Muttersprache. Die Fremdsprache ist also nicht fremd – ein klarer Vorteil in Zeiten von Globalisierung, Internationalisierung und immer härterer Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt.

Albern ist es trotzdem, das merkt man spätestens hier in Prenzlauer Berg. Nicht nur die Situationen, in denen sich die Eltern ihres vermeintlich zweisprachigen Erziehungsauftrages besinnen, ist oft seltsam gewählt, sondern auch die Wortwahl, der sie sich bedienen. Stoisch werden grammatikalisch völlig falsche Verbote ausgesprochen oder deutsche Worte hemmungslos eingeenglischt („we need to buy more Tschogurt! Can you please catch some tschogurt for me?“). Dass die Kinder meist ungerührt weiter deutsch reden, scheint die engagierten Eltern zwar zu stören, bremsen tut es sie aber nicht.

In wie weit die zweisprachige Erziehung wirklich bringt, ist übrigens wissenschaftlich umstritten, auch wenn es schon im 19. Jahrhundert recht umfassende Studien dazu gab. Der besonders fruchtbare Prenzlauer Berg ist dafür definitv eine Zeitungsente. Zwar ist der Anteil junger Frauen hier vergleichsweise hoch, vergleicht man diese Zahl aber mit der Zahl der Kinder pro Frau (39 pro 1000), kommt man auf einen Wert, der sogar noch unter dem Durchschnitt von ganz Berlin liegt (45 pro 1000).
Aber das nur mal so am Rande …

In diesem Sinne, goodbye and read you bald!

Journalist und Geschäftsführer eines Nachrichtenportals, schreibt hier privat. Mag Hotelbetten, Ernest Hemingway, Berlin, Erich Kästner, Wuppertal, Schreiben mit Füller, schöne Kneipen, dicke Bücher, Fotografieren, scharfes Essen und kaltes Bier.

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